Hans K. Reiter

Heiligabend

 

Gehetzt blickte der Mann auf seine schwere Armbanduhr. Nur noch weniger als eine Stunde! Es war zum verrückt werden. Wie um Himmels willen sollte er das bloß schaffen? Mühsam zwang er seinen Atem in geordnete Bahnen. Du mußt ruhig bleiben!, sagte er sich immer wieder, ruhig bleiben!

Die Straßenbahnen und Busse zogen bereits seit dem frühen Morgen ihre gewohnten Bahnen durch die Stadt. Manche der Haltestellen waren noch verwaist, an anderen dagegen herrschte bereits das übliche Gedränge. Mist!, stieß der Gschwendner Thomas hervor, als ihm der Bus gerade vor der Nase davonfuhr. Von denen wartet keiner, sagte ein Fahrgast aus dem Wartehäuschen heraus und man konnte erkennen, wie egal ihm das eigentlich war.

Verzweifelt hielt Thomas Gschwendner nach einem Taxi Ausschau. Natürlich war weit und breit keines zu sehen. Doch, halt, da vorne! Aber schon war ein anderer schneller gewesen, schlug die Wagentüre zu und das Taxi brauste ab. Wann kommt denn der nächste?, rief Thomas ins Wartehäuschen. 12 Minuten, in der Früh bis um sieben Uhr alle 12 Minuten, danach sind es dann sieben!, kam eine Stimme zurück. Es nützte nichts, er mußte warten. Noch exakt 8 Minuten, wie ihm die Uhr am gegenüberliegenden Eingang zu einem Getränkemarkt bestätigte. Noch acht Minuten!, schoss es Thomas durch den Kopf. Es würde knapp werden.

Na, geht doch!, dachte der Mann, als er wieder einigermaßen bei Atem war. Zielstrebig schritt er auf den Ausgang der U-Bahnstation zu, nahm die Rolltreppe und war mit ein paar schnellen Schritten oben. Wie beiläufig tastete er die Taschen seiner Jacke ab. Alles am Platz, brummte er, mündete in die Ludwigstraße ein und ging zügig in Richtung Odeonsplatz.

Der Gschwendner Thomas blieb gleich vorne stehen. Im hinteren Teil des Busses hätte es noch Sitzplätze gegeben, aber er hasste es, sich durch die am Morgen meist übel gelaunten Busbenutzer zu drängen, wenn er seine Haltestelle erreicht hatte. Es würde gerade so reichen. Vielleicht hatte er Glück und eine Straßenbahn würde zur Stelle sein, um ihn in die Maffeistraße mitzunehmen. Von dort aus war es dann nur noch ein Katzensprung.

Im Juweliergeschäft Stanislav von Moosstätter war der Inhaber bereits seit über einer halben Stunde damit beschäftigt, verschiedenste Uhren und Schmuckstücke aus dem Tresor zu nehmen und in den Schaufenstern zu drapieren. Fenster und Ladentüre waren noch mit dem Scherengitter gesichert, das er erst zur Ladenöffnung, exakt um 10:00 Uhr, mit einem Knopfdruck nach oben fahren würde. Vor zwei Jahren war es gewesen, als ihm auf den Tag genau gleich der erste Kunde eine Pistole vor die Brust gehalten hatte. Stanislav von Moosstätter war versichert, anders ging das heutzutage nicht mehr. Viel zu viel kam vor: Einbrüche, Diebstähle und Überfälle.  Dreimal war er die letzten 20 Jahre überfallen und ausgeraubt worden. Die Versicherungsprämien waren entsprechend gestiegen. Für den heutigen, letzten Verkaufstag vor den Feiertagen hatte er sich etwas überlegt. Nervös blickte er zur Uhr über einer der Vitrinen: 08:30 Uhr. Noch eineinhalb Stunden!

Irgendwann würde er sich eine Wohnung in der Stadt suchen. Der Gschwendner Thomas war es Leid, ständig von soweit außerhalb hereinfahren zu müssen. Auto hatte er keines, und selbst wenn, er hätte es nicht genommen. Da drin in der Stadt kannst kommen wann du willst, einen Parkplatz kriegst du nie! Mit quietschendem Getöse nahm die Trambahn die Kurve in die Maffeistraße. Drüben beim Loden Frey wollten sie sich treffen. Eine Arbeit wie jede andere, dachte der Gschwendner und suchte nach dem bekannten Gesicht.

Jetzt noch die Vitrinen. Stanislav von Moosstätter nahm über Nacht alles von Wert in den Tresor. Zugegeben, das Prozedere kostete ihn jeden Tag eine gehörige Menge an Zeit, aber es nützte nichts, die Versicherung verlangte es, wenn er weiter versichert bleiben wollte. Und eine Alarmanlage hatte er noch installieren lassen, mit direktem Anschluss an eine Meldezentrale, die im Bedarfsfall die Polizei verständigte und darüber hinaus auch noch ein eigenes sogenanntes Interventionsteam in Marsch setzte. Na ja, murmelte er, wird schon nix passieren, heute, am Heiligen Abend.

Sein Kollege war spät dran, schon mehr als 10 Minuten über die Zeit.  Zwei Minuten noch, länger kann ich nicht mehr warten, dann muss ich es eben alleine machen!, brummte der Gschwendner und hielt noch einmal angestrengt Ausschau in alle Richtungen. Jetzt, na endlich! Gemächlich, als hätte er jede Zeit der Welt, so kam es Geschwender jedenfalls vor, schlenderte sein Kollege aus der Kardinal-Faulhaber-Straße kommend auf den Loden Frey zu.

Stanislav von Moosstätter war so vertieft in seine Arbeit, dass er von den beiden Gestalten gegenüber keine Notiz nahm. Dabei hätte nur ein Blick aus dem Fenster genügt und sie wären ihm ohne Zweifel sofort aufgefallen. Immer wieder musterten die beiden Gestalten den Juwelierladen und benahmen sich auch sonst recht merkwürdig.

Da bist ja endlich!, rief der Gschwendner anstelle einer Begrüßung. Ja, weiß schon, bin spät dran, aber lauf du mal vom Siegestor zu Fuß da runter, die ganze Ludwigsstraße, Odeonsplatz und so weiter. Irgend eine Betriebsstörung bei der U-Bahn, vielleicht hat sich wieder mal einer vor einen Zug g’schmissen! Ja, dann lass uns mal rüber gehen zum Mosstätter, sagte der zu spät Gekommene und hantierte noch mit einer Pistole, die er aus seiner Jackentasche genommen hatte und in ein Schulterholster steckte. Ich tu’s immer raus, wenn ich privat unterwegs bin, erklärte er auf Gschwendners fragenden Blick.

10:00 Uhr! Pünktlich drückte Stanislav von Moosstätter den Knopf und leise surrten die Scherengitter nach oben. Den Schlüssel zwei Mal nach links gedreht und die Ladentüre war geöffnet. Allerdings so direkt geöffnet auch wieder nicht, denn, wenn jemand das Geschäft betreten wollte, mußte er einen Klingelknopf drücken, worauf er eingelassen wurde oder eben auch nicht. Eine Vorsichtsmaßnahme, wie man sie ihm empfohlen hatte und wie sie mittlerweile bei vielen Juwelieren üblich war.

Ging Gong Ging – die Kamera zeigte zwei gut gekleidete Männer, was der Moosstätter aber auch durch die Scheiben sehen konnte. 10:02 Uhr! Etwas stimmt nicht, fuhr es Moosstätter durch den Kopf. Es war doch anders geplant! Ja, er hatte es anders geplant, für heute, am letzten Tag vor Weihnachten. Auch die Verkäuferin, seine Angestellte, war noch nicht hier. Merkwürdig, sie ist doch sonst immer pünktlich! Schnell vergewisserte sich Moosstätter, dass er den Alarmknopf gut erreichen konnte, dann drückte er den Türöffner.

Kaum ertönte das Summen des Öffners, drängten die beiden Gestalten in den Laden. Noch bevor die Türe wieder ins Schloss fallen konnte, beeilte sich die jetzt auch eingetroffene Verkäuferin, ebenfalls das Geschäft zu betreten. T’schuldigung, rief sie, die U-Bahn! Aber im anhebenden Tohuwabohu ging Ihre Entschuldigung völlig unter, denn weitere zwei Männer stürmten mit gezogenen Pistolen den Laden.

Nein, nicht schon wieder!, stammelte Stanislav von Moosstätter und ließ sich aschfahl auf einen Stuhl fallen. Nicht schon wieder!, wiederholte er verzweifelt und sah wie durch eine unwirkliche Wand aus Nebel, wie die beiden zuletzt hereingestürmten Männer den beiden zuerst Gekommenen die Arme auf den Rücken drehten und diese blitzschnell mit einem Klack, Klack von Handschellen fixiert waren.

Jetzt erst, ganz allmählich, sah Moosstätter wieder klar. Ach Sie sind das, Herr Gschwendner!, brüllte er beinahe, und ich hatte mich schon gewundert, wo Sie bleiben, weil wir es doch für heute so geplant hatten. 

Ja, erklärte Thomas Gschwendner, wir haben uns wegen des U-Bahnausfalles ein wenig verspätet und dann gerade noch rechtzeitig diese beiden Herren beobachtet. Und, als wir bemerkten, dass sie Waffen unter ihren Sakkos tragen, sind wir sofort herübergespurtet. Und Gott sei Dank gerade noch rechtzeitig, bemerkte Moosstätter.

Die Polizei war schnell vor Ort, die gut gekleideten Beinahediebe abtransportiert und das Geschäft jetzt unter den kritischen Augen von Thomas Gschwendner und seinem Kollegen für den Rest des Tages gut geschützt. Eine gute Scurity ist schon etwas wert, sagte Stanislav von Moosstätter zu seiner Verkäuferin.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.12.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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