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Hartmut Müller

Achja

Sie ist so froh, dass sie immer anrufen kann, wenn ihr danch ist, und dann sagt sie achja. Dieses achja ist sozusagen ihr Pausenzeichen, dann fühlt sie sich besonders wohl, und wir nennen sie deshalb Achja. Das ist nicht abwertend  oder ironisch gemeint, und immer, wenn wir an sie denken, stellt sich ein Gefühl von Frieden und Heiterkeit ein, weil sie von diesen schönen Gaben selber soviel hat, dass es immer noch für andere reicht.
Meistens hat sie nichts auf dem Herzen, sie will nur mal achja sagen, aber ab und zu  taut sie langsam auf und sagt noch ein paar Sachen, die sie einfach mit uns "teilen" will, wie man heute sagt. Ihr friedliches und freundliches Wesen ist ansteckend und färbt auf jeden ab, mit dem sie spricht.
Es ist nicht etwa so, dass sie sich einsam fühlt und z.B. denen am anderen Ende der Leitung ihre Sorgen mitteilen muss, damit sie ihr tragen helfen, nein, sie hat nichts, was sie quält, im Gegenteil, sie ist zufrieden mit allem, wie es ist, ihrem Leben, der Welt und sich selbst. Dabei ist sie weder wohlhabend, noch gesund oder "unter Menschen", sie ist schon  lange allein, behindert und bezieht eine kleine Rente, die totz sparsamster Verwendung gerade so für das Nötigste reicht und leider immer zu früh verbraucht ist. Sie ist glücklich, mit ihrem Rolli immer noch ein paar Schritte machen zu können, so eine wunderbare Erfindung, man kann damit gehen, sich draufsetzen, den Einkauf verstauen und ihn sogar zusammenklappen, wenn es sein muss. Wenn  meine Mutter  sowas gehabt hätte...
Ihre Mutter war schon vor vielen Jahren gestorben, und seither ist sie allein in dem alten und unpraktischen Haus, sie wohnt oben, aber die Toilette ist unten, und das Treppensteigen ist jedesmal ein Drahtseilakt, aber darauf will sie auf keinen Fall verzichten, das hält sie in Bewegung.
Morgen ist ein besonders schöner Tag, da gibt es wieder Rente, und da gönnt sie sich  ihren monatlichen Krimi für 9,99 Euro in Paperback (sie sagt "Reclam"). Nur beim letzten Mal nicht, da musste sie fast zehn Euro Gasgeld nachzahlen, und zwar nicht, weil sie mehr verbraucht hätte, sondern weil der Preis so gestiegen war. Den Krimi sucht sie sich schon lange vorher aus, deshalb weiß sie immer genau, was dran ist, diesmal war es "Der Schrei der Nachteule" von R. Kallweit, der schreibt immer so schön gruselig, achja. Gestern war sie wieder am Telefon und gab  uns einen aktuellen Lagebericht: Es ist so schön, dass ich immer mal bei euch anrufen kann, ich kann ja nicht dauernd meine Freundin anrufen, denn ich will sie nicht überfordern, wir rufen uns jeden Tag zweimal an, immer um die gleiche Zeit, und ihr Mann hat nichts dagegen. Ich muss zukünftig besser aufpassen und darf mein Telefon nicht vergessen, das muss ich jetzt immer bei mir haben, seit mir das neulich im Keller passiert ist, als ich den Gaszähler ablesen und mich dazu bücken musste. Als ich die Zahlen abgeschrieben hatte, kam ich nicht wieder hoch, das hatte ich noch nie, und ich habe nicht geschrien, denn das würde keiner hören, es ging einfach nicht, aber es fügt sich ja immer alles so wunderbar, ich musste nur knapp zwei Stunden warten, und da kam meine Freundin schon, weil ich nicht auf ihren Anruf ragiert hatte, und fand mich im Keller. Sie half mit wieder hoch, und nach kurzer Zeit war alles gut.
Morgen  gibt es mein Lieblingsgericht, Bandnudeln mit Antipasti, darauf freue ich mich schon so, und abends gibts immer Toastbrot mit Butter und dick Petersilie drauf, das ist immer ein kleines Fest.
Achja.









 




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Die Geschichte wurde auf Wunsch von Hartmut Müller auf e-Stories.de aufgenommen - Vielen Dank!
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.01.2017. - Infos zum Urheberrecht




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