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Hartmut Müller

Mein Morgenmüsli ist vergiftet

Gestern rief eine Bekannte an, die mir die Zeitschrift Mühl&Mahl zugeschickt hatte und nun wissen wollte, ob ich den von ihr angestrichenen Artikel gelesen hätte. Das hatte ich zwar nicht, sagte aber: Ja, natürlich, und um einer weiteren peinlichen Befragung aus dem Weg zu gehen: und ich finde ihn sehr interessant!
Sie gab jedoch nicht auf und wollte jetzt mehr von mir wissen, denn es ging ihr offensichtlich um die vielen vergifteten Nahrungsmittel, die wir bei Discountern kaufen und dann auch noch essen.
Um nicht als Depp dazustehen, erzählte ich ihr vorauseilend, dass ich jeden Morgen ein selbst zubereitetes Müsli aus verschiedenen Getreidesorten (und zwar vorwiegend Haferflocken) esse, die ich mit etwas kochendem Wasser, zwei Teelöffeln Leinöl, getrockneten Apfelscheiben, etwas magerem Frischkäse und einer Prise Zimt zu einem Brei verrühre.
So, dachte ich, jetzt lässt sie dich in Ruhe, aber ich hatte in ein Wespennest gestochen. Ganz aufgeregt begann sie mit der diplomatischen Feststellung, dass das prinzipiell zwar nicht falsch sei, aber was ich denn über Herkunft, Sorten, Alter und Behandlung der Getreidesorten vor und nach der Ernte wüsste, wo ich sie gekauft hätte, wie und wo ich sie lagerte und womit ich sie mahlte, ob ich wüsste, dass magerer Frischkäse prinzipiell ein denaturiertes Produkt sei, auch, wenn ich es in einem BioBio- Reformhaus gekauft hätte, dass Leinöl nur genießbar ist, wenn es maximal wenige Wochen alt, nativ und kaltgepresst hergstellt und gekühlt in kleine Blechflaschen mit Gütesiegel und Schraubverschluss abgefüllt wurde, deren Inhalt nach Erwerb umverpackt, kühl gelagert  und innerhalb weniger Tage verzehrt werden muss, dass Zimt mit einiger Sicherheit das Nervengift Cumarin enthält, dass..., dass..., und ob ich eigentlich wüsste, wieviel Gefahren überall lauern, und zwar besonders durch Nahrungsmittel, bei denen andere Menschen oder gar Maschinen ihre Finger im Spiel gehabt hätten, um uns damit blankes Gift  verabreichen und  auf diese hinterhältige Weise umbringen zu können, ob ich vielleicht wüsste, dass man nur naturreine und -belassene Lebensmittel zu sich nehmen darf, unbehandelt, unverfälscht, so, wie sie in der Natur eben vorkommen, z.B. Milch direkt von der Kuh, Sahne, die durch Aufschwimmen auf der Milch gewonnen wurde und nicht etwa durch eine Zentrifuge, bei Butter und Brot könne man eine Ausnahme machen, aber nimm niemals Brot vom Bäcker oder noch schlimmer: aus Discounter- Regalen, wenn du den nächsten Monat erleben willst...
Margarinen jeder Art seien ebensolche Verbrechen, wie Butter mit Ölzusätzen und alles, was man in den Lebensmittelabtei-lungen des Einzelhandels findet, und noch eins, ganz wichtig: Hände weg von Mikrowellengeräten, und wenn sie über hundert Euro gekostet haben, gib sie in den Schrott, wenn dir dein Leben lieb ist.
Es hätte nur noch gefehlt, dass sie wieder vom zu- und abnehmenden Mond und all dem angefangen hätte, was man dann darf bzw. lassen muss, um mir dann noch Hinweise zu geben, wie herum ich mein Müsli rühren muss, nur linksrum, nur rechtsrum, abwechselnd fünfmal links und rechts (links beginnend), aber  ich war ebenso clever wie höflich und hatte den Hörer längst ihr und sich selbst überlassen.
Wenn meine Bekannte nur diesen BioBio- Spleen hätte, und von dem haben wir ja nur einen klitzekleinen Bruchtel gestreift, dann ginge es, aber da kommen noch ganz andere Denk- und Verhaltensmuster hinzu, die sie sich vermutlich durch Vergiftung zugezoegen hat und die wir ein anderes Mal behandeln können.




Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diese Geschichte liegen beim Autor (Hartmut Müller).
Die Geschichte wurde auf Wunsch von Hartmut Müller auf e-Stories.de aufgenommen - Vielen Dank!
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.01.2017. - Infos zum Urheberrecht




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