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Hartmut Müller

Poldis Rache

Poldi ist ein Rauhaarteckel, 11 Jahre alt, männlich, saufarben und mit ockerrötlichen Einsprengseln an beiden Seiten des Backenbartes, die seine ebenso kuriose wie seriöse Erscheinung noch aufwerten. Er interessiert sich kaum für andere Hunde, ist sich sozusagen selbst genug und gehört dem älteren Ehepaar, dessen Grundstück in der Ecke rechts hinter den Kompostboxen und dichten Gebüschen etwa zwei Meter an unseres grenzt. Ab und zu hört man sein wohl- und volltönendes Organ, aber immer nur ganz kurz, dann kommt nämlich von mindestens einem seiner Leute im Befehlston "Poldi, still!" Darauf hört man von ihm nur ein kurzes Stöhnen und ein "Wff", und dann kommt eine vorwurfsvole Gardinenpredigt, die er auswendig kennt und die ihn jedesmal fertig macht. "So ein böser Hund, so ein böser böser Hund, noch eeiinn Maall, duuu...! Aaber, böser Poldi, naa warte!"
Dann legt er sich wahrscheinlich in eine Ecke des kleinen Gartens und stellt sich schlafend, ein Auge immer mal blinzelnd geöffnet, um die Lage zu prüfen, wobei sich der aktive Augapfel unten herum in Weiß zeigt.
Das Bellen wurde ihm als Jagdhund zwar in die Wiege gelegt, doch hatte er von Klein auf sozusagen Berufsverbot. Dabei hat er ein angenehm tiefes und souverän klingendes Timbre, das eher beruhigt als stört, man hört förmlich Zuverlässigkeit, Ernsthaftigkeit und Charakter, das ist kein Gekläff oder Wichtigtuerei wie bei Yorhshireterriern mit roter Haarschleife. So einen sonoren Bass würde man ihm gar nicht zutrauen, aber Dackel und Teckel werden ja bekanntlich oft unterschätzt. Man sagt Rauhaarteckeln Sturköpfigkeit, Eigensinn, Mut und einen ausgeprägten Geruchssinn nach, den sie ja auch von berufswegen brauchen, alles Eigenschaften, die das Zusammenleben mit ihnen nicht unbedingt erleichtern, man kennt das ja auch von Menschen. Wenn also etwas Ungewöhnliches passiert, sich ein Fremder nähert, eine Katze oder eine Amsel, merkt Poldi das mit seiner feine Nase sofort, dafür braucht er die ausgeprägte Neugier seines Herrchens nicht, der stes die ganze Straße samt Kreuzung im Visier hat und unterwegs jedermann tief ins Grundstück oder in die Augen sieht.
Poldi ist sozusagen ein Zugereister, denn früher war er immer nur an den Wochenenden da, wenn die Schwiegermutter von
Herrn K. ihn mitbrachte. Schon damals kamen Schimpf und Schande über ihn, wenn er "Wuff" machte. Später wurde er der alten Dame zuviel und blieb für immer. Kürzlich passierte nicht nur etwas Ungewöhnliches, sonder etwas sehr Ungewönliches: Kurz nach dem Mittagessen legte sich Familie K. im Schlafzimmer zur Ruhe,  Poldi lag in seinem Korb im Wohnzimmer, und die Terrassentür war angelehnt. Dann tat sie sich etwas auf, und zwei Männer kamen zwar leise, aber zielstrebig herein, um sich mal ein bisschen umzusehen. Sie durchsuchten alle Schränke und Schiebladen nach Barem und Brauchbarem, konnten auch allerlei gebrauchen und verschwanden nach einigen Minuten wieder. Poldi hatte alles beobachtet, ohne Angst, denn Angst kennt ein Rauhaarteckel nicht, aber er hatte sich heute erstmalig an seine gute Erziehung erinnert und hat nichtmal "Weff" gemacht, sondern absolut gar nichts, wie er es ja schon immer sollte.




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Die Geschichte wurde auf Wunsch von Hartmut Müller auf e-Stories.de aufgenommen - Vielen Dank!
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.01.2017. - Infos zum Urheberrecht




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