Elisabeth Schwaha

Tomaten

Ein Mensch in seinem Garten saß
und mit Genuß Tomaten aß.
Da machtvoll überkommt es ihn:
"Ich möcht' die Dinger selber zieh'n!"

Damit er mehr dazu erführe,
kauft' er sich kiloweis' Lektüre.
Da fand er Hunderte von Sorten,
gedeihend an verschied'nen Orten:
die nur Gewächshaus, die im Frei'n
und die an Stöcken wie der Wein.

Er liest und lernt von früh bis spat,
bis dann das Frühjahr endlich naht.
Zwölf Päckchen Samen in der Hand,
schweift froh sein Blick aufs brache Land.
Bleich grüßet ihn die Märzensonne,
bricht matt sich in der Regentonne,
zur Aussaat ist es jetzo Zeit,
und das Gewächshaus steht bereit.

So nimmt er nun sein Dutzend Päckchen
und öffnet zärtlich jedes Säckchen.
In Schalen voll mit Anzuchterde
sät er mit zügiger Gebärde.
In strammen Reihen sät er sie:
die Kirschtomate Vessennij,
das Ochsenherz, die Rio Grande,
die Rote Murmel, die Marmande,
zwölf Reihen hoffnungsfroher Körner,
ach, wie hegt und pflegt das gern er!
Er hält sie warm, er hält sie feucht,
und täglich schaut er, ob ihm deucht,
dass sich das Grün vermehret hat
um dieses oder jenes Blatt.
Zu seiner Freude wachsen sie
ganz dicht an dicht mit Akribie.

Nach ein paar Wochen ist es Zeit
für eine neue Tätigkeit:
Ein jedes Pflänzchen separat
wird nun pikiert. Das ist zwar fad,
doch muss es sein, denn jede Pflanze
hat nur alleine eine Chance.
Der Mensch hat aus dem Buch gelernt,
das, was zu schwach ist, wird entfernt,
doch kann er sich nicht recht entscheiden,
warum soll eins der Pflänzchen leiden?
Er topft sie einfach alle ein,
das kann ja nur von Vorteil sein!
Und so, von großem Glück beseelt,
hat er zweihundert Stück gezählt.

Er kommt kaum nach beim täglich Gießen,
dass die Zweihundert auch schön sprießen.
Er überschwemmt die Pflanzen kräftig,
so wachsen in die Höh' sie heftig.
Der Mensch, erfreut von dem Geschehen,
weiß doch, so kann's nicht weitergehen,
man muss die grünen Glashaus-Schönen
an frische Luft jetzt bald gewöhnen.
Daher muss er an allen Tagen
sie stundenweis' ins Freie tragen.
Zweihundert raus, zweihundert rein
nach einem Bad im Sonnenschein.
Auch kleine Mengen Wind und Wetter
stärken Stängel und die Blätter,
doch darf es nicht zu lange sein,
sonst gehen die Gewächse ein.

Der Mensch macht alles sehr penibel
und schleppt so manchen Wasserkübel,
bis eines Tages fest er stellt:
"Jetzt sind sie reif fürs freie Feld!"
Den richt'gen Zeitpunkt, den erkennt er
durchs Studium vom Mondkalender:
Ein Fruchttag muss es sein gewisslich,
sonst wird die Ernte eher misslich.

Der nächste Sonntag würde passen.
Nun muss er schnell den Spaten fassen,
hält Ausschau nach den besten Plätzen,
um die Tomaten hinzusetzen.
Hier ist's zu schattig, hier zu schräge,
hier liegen Steine nur im Wege.
Der beste Platz ist ohne Frage
vor der Terrass' die Sonnenlage.
Dort buddelt er dann froh und fleißig
Tomatenlöcher sechsunddreißig.
Denn von dem Dutzend Staudenarten
will er je drei davon im Garten.
Und in die Löcher patsch-patsch-patsch,
da schüttet er Kompost und Matsch,
so recht viel Wasser, das ist wichtig,
da wachsen die Tomaten tüchtig.
Dann nimmt er drei von jeder Art,
pflanzt in die Gruben sie ganz zart
und bindet sie an Stäbe an,
dass keine Bö sie knicken kann.

Der Mensch ist stolz auf seine Taten,
das Werk ist prächtig ihm geraten,
es präsentiert sich das Gewächs
schön im Quadrate, sechs mal sechs.

Doch voll Bedauern sieht er dann
die andern hundertsechzig an.
Was soll er tun mit diesen Massen?
Kann sie doch nicht verkommen lassen,
die grad so schön im Safte stehen!
Wohin damit? Na, woll'n mal sehen:

Rund um den Pool, wenn man sie zwängt,
hat bald man 80 hingedrängt,
um die Garage ein Spalier,
und am Balkon stehn auch noch vier.
Zwölf gehn auf die Terrasse leicht,
sobald der Grill den Pflanzen weicht.
Bis jede Staud' ihr Plätzchen fand,
geht eine Woche gut ins Land.

Und nun beginnt das bange Hoffen:
Mach, Himmel, nicht die Schleusen offen!
Lenk Sonnenschein auf die Tomaten,
doch lasse sie nicht ganz verbraten!

Der Mensch hat täglich nun zu tun
und kaum mehr Zeit, sich auszuruh'n.
Er muss die Triebe kontrollieren,
dazu hockt er auf allen Vieren
vor jeder Staude und entfernt
die Seitentriebe wie gelernt.
Der Haupttrieb wird stramm hochgebunden,
so dass bei Stürmen Halt gefunden.
Und um die Stauden unten rum,
da schlängelt sich ein Unikum:
Ein Schlauch mit Löchern spendet Nass,
denn die Tomate wünscht sich das.
Die Wurzeln feucht, die Blätter trocken,
so kann man viele Früchte locken.

Es dauert gar nicht lange mehr,
da schau'n schon gelbe Blüten her.
Der Wind tut seine Schuldigkeit,
und nach und nach in nächster Zeit
erkennt man im Vergröß'rungsglas:
Ei ja doch, hier entsteht etwas!
Ganz winzig, herzig, grün und rund
tut sich schon die Tomate kund.

Die lieben Pflanzen brauchen Nahrung,
so weiß der Mensch aus Bucherfahrung.
Guano, der aus Vogelmist,
das Beste für Tomaten ist.
Und so gepflegt, gedeihen sie
und lohnen ihres Menschen Müh',
indem sie rasch und üppig treiben,
die kleinen Früchtchen prall sich leiben.
Die Sonne meint es auch recht gut,
schenkt den Tomaten rote Glut.

Der Mensch, der Glücklichste auf Erden,
sieht täglich sie nun röter werden,
kann's kaum erwarten, pflückt sie gleich
und fühlt sich wie im Himmelreich.
Sie schmecken köstlich, unvergleichlich,
und wachsen nach so überreichlich!
In keinem Laden kriegt man sie
so frisch und lecker als wie die.
Der Mensch ißt sie den ganzen Tag,
als Soße, Saft und Brotbelag,
gefüllt, gesotten oder roh,
als Ketchup oder einfach so,
kocht sie zu Chutneys und Gelee,
doch werden's täglich mehr! O je!

Bald weiß er nicht mehr ein noch aus,
sie füllen schon das ganze Haus.
Großzügig schenkt er an Bekannte:
Die Tante kriegt die Alicante,
die St. Pierre kriegt der Friseur,
das Ochsenherz der Vet'rinär.
Und wochenlang kocht sich die Oma
Tomatensoße aus der Roma.

Doch irgendwann ist es vorüber.
Die Tage werden kurz und trüber,
die Stauden werden ausgerissen
und weg auf den Kompost geschmissen.
Der Mensch fühlt sich befreit und schwört:
"Nie wieder pflanz' ich in die Erd'!"



Epilog:

In ihrem Garten saß die Tante
vor einer Schüssel Alicante.
Und so beim Schmausen dachte sie:
"Wie wär's, wenn ich sie selber zieh'?"

Hallo!

Jemand hat mich im Jänner2006 kontaktiert und wollte meine Erlaubnis zum Einbinden des Gedichts auf seiner Website. Leider ist mir diese Mail verloren gegangen.

Freund guter Gedichte, falls Sie dies noch einmal lesen: Sie haben meine Erlaubnis!!!

Liebe Grüße,
Elisabeth Schwaha
Elisabeth Schwaha, Anmerkung zum Gedicht

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