Norbert Wittke

Der Stuhl auf dem man sitzt

 

Weil die Beförderungsaussichten sich  beim Finanzamt verschlechtert hatten,
wechselte ich als Beamter zu der Gemeinde, deren Veranlagungsbezirk ich
geführt hatte.

Wichtig ist im Leben besonders, der Stuhl auf dem man sitzt, wenn man es
im Büro den ganzen Tag über tun muss. Der Stuhl sollte Bandscheiben gerecht
sein, denn der Rücken wird besonders  gequält. Außerdem sollte er so fest
sein, dass er es auch aushält, wenn jemand daran sägen möchte, so wie es
ja häufiger vorkommt.

Ich trat meinen Dienst am 1. September 1970 bei der Gemeinde an. Das Rathaus
ein zweistöckiger und hässlicher Glaskasten. Ich bekam mein Büro zugewiesen.
Einen ehemaligen Vordruckraum von 4 qm. Der einzige Raum im Hause ohne
Tageslicht, nur ein winziges Oberlicht. Ich suchte einen Lichtschalter. Bekam dann
die Antwort, dass sie allgemein im ganzen Haus vergessen worden sind. Eben
ein typischer Behördenbau, wo sich niemand um irgendetwas kümmert. Im
Flur gab es einen Sicherungskasten, wo man am Kippschalter das Licht
anstellen konnte.

 

Dann machte ich die Sitzprobe. Hinter den Schreibtisch hatte man mir einen
alten Küchenstuhl gestellt. Er war wirklich lebensgefährlich und wackelte.
Ein Besucherstuhl war auch vorhanden, fester, aber die Kunstoffsitzfläche
war genagelt mit kräftigen Nägeln. Bei meinen kurzen Stampen schnürten die
meine Kniekehle ab. Ich ersuchte den zuständigen Beamten des Hauptamtes
um einen geeigneten Bürostuhl für mich. "Wir haben nichts anderes."So lautete
die endgültige Antwort.

 

Auch die Bürowände des Hauses waren aus dünnen Kunststoffplatten, die
alle Geräusche und Gespräche vom Nebenmann eindringen ließen. Selbst
im sozialen Wohnungsbau ist wohl nicht so gepfuscht worden.

 

Ich setzte mich also auf den zugeteilten Küchenstuhl. Wippte dann dreimal
hin und her und hatte ihn im Nu zerlegt. Die Ruine schmiss ich mitten in den
Flur. Stellte mich dann hinter den Schreibtisch und wartete. Oh man machte
sich Gedanken, wem diese Holzsplitter wohl gehören würden. Ein neues
Kunstwerk war es ja wohl nicht. Ein Genie kam darauf, dass es wohl der
ehemalige Stuhl von dem Wittke sein musste.

 

Als sich die Tür öffnete stand ich hinter dem Schreibtisch und schrieb im Stehen.
Zwischendurch setzte ich mich hin und wieder auf den Besucherstuhl, wenn ich
alleine war. Drei Tage wurde ich dann besichtigt. Ich kam mir vor wie im Zoo.
Jeder wollte den blöden Neuen mal sehen.

Nach drei Tagen fand ich einen Holzstuhl auf Rollen mit einer beweglichen
Rückenlehne vor. Dieser Stuhl war beim Hauptamt vorhanden, aber man
wollte ihn mir vorher nicht geben. Ich war damit zufrieden, denn er genügte
für die Büroarbeit.

Das freundliche Haus habe ich dann aber sofort nach einem Jahr wieder
verlassen. Dieses Rathaus ist noch heute im Rhein-Sieg-Kreis zu besichtigen.

Aber ich möchte jedem Leser anraten, auf einen guten Stuhl zu achten.
Wenn jemand noch heute ein Rückgrat hat, sollte er es sich gesund
erhalten, sonst müsste er in die Politik wechseln.

21.05.2010               Norbert Wittke

 


 

 


 

 

 

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