Diethelm Reiner Kaminski

Unscheinbar



„Kann sein, muss nicht sein“ – kein anderer Satz hätte Frank Brettels unbedeutende Existenz zutreffender erfassen können. Von Kind an wurde Frank kaum bemerkt, und wenn er fehlte, nicht vermisst. Gut, er war vorhanden, aber auch nicht mehr. Seine Eltern hatten es längst aufgegeben, sich Sorgen zu machen, wenn Frank sich wieder einmal den ganzen Tag nicht gemuckt hatte. Da konnten sie auf ihn einreden, soviel sie wollten. Ob gutes Zureden oder ernste Ermahnungen – alles schien von Frank abzuprallen. Er blieb, wie er nun einmal war: in sich gekehrt, still und anscheinend antriebslos. Seine Eltern hatten sich schließlich damit abgefunden, einen Schweiger und Langweiler zum Sohn zu haben. Die Eltern waren enttäuscht, aber Frank machte keineswegs einen unglücklichen Eindruck. Er schien am glücklichsten, wenn man ihn in Frieden ließ, am besten gar nicht mit ihm sprach. Rief ein Lehrer ihn in der Klasse auf, was immer seltener geschah, machte er den Mund nicht auf, sondern wartete schicksalsergeben, bis der Kelch an ihm vorübergegangen war. Frank stand überall abseits, ob auf dem Schulhof oder auf dem Sportplatz. Während die meisten Mitschüler miteinander um die Gunst der Lehrer wetteiferten, bei jeder Gelegenheit glänzen wollten, unternahm Frank nicht die geringsten Anstrengungen. Er hätte um nichts in der Welt im Mittelpunkt stehen mögen. Aller Augen auf ihn gerichtet, ständig Erwartungen zu erfüllen, ein bestimmtes Soll zu erbringen, seine Leistungen zu steigern. Schrecklich. Im Abseits konnte er träumen und seinen Gedanken nachhängen, ohne gestört zu werden.

Als Frank in das Alter kam, in dem sich Jungen und Mädchen für das andere Geschlecht zu interessieren begannen, trat eine unerwartete Störung ein. Mädchen begannen sich für Frank zu interessieren. Einerseits reizten sie seine Andersartigkeit, seine Zurückgezogenheit, in die sie alles Mögliche hineingeheimnisten, andererseits fühlten sie sich beleidigt, dass Frank nicht das geringste Interesse an ihnen verriet. Frank war kein auffallend hübscher Junge, aber so schlecht, dass man sich seiner hätte schämen müssen, sah er wiederum auch nicht aus. Wie aber ein Gespräch mit einem Eisblock beginnen?
Nada machte den ersten unbeholfenen Versuch. Normalerweise taten die Jungen den ersten Schritt.

„Hast du deine Mathehausaufgaben für Freitag schon gemacht?“, fragte sie Frank nach der Schule. Noch nie war Frank von Nada angesprochen worden, sodass er glaubte, nicht er, sondern Marian sei gemeint, der ein Stück weiter weg stand. Frank drehte sich um und ließ Nada stehen.

„Ich geb´s auf“, sagte Nada zu ihren Freundinnen. „Der hält sich wohl für was Besseres.“

„Das darf ja wohl nicht wahr sein“, sagte Karoline. „Den müssen wir anders anpacken.“ Sie schlenderte zu Frank rüber, der in der Pause wie üblich allein in einer Ecke des Schulhofes stand und hielt ihm eine angebrochene Tafel Schokolade hin: „Magst du auch ein Stück? Lang zu“, sagte Karoline jovial.
„Ich mag nichts Süßes“, quetschte Frank zwischen den Zähnen hervor und wandte sich ab.
„Mich auch nicht?“, hätte Karoline am liebsten hinter ihm hergerufen, aber das traute sie sich nun doch nicht, nicht etwa, weil sie der Mut verließ, sondern weil sie fürchtete, Frank könne antworten: „Auch dich nicht.“

Auch Swantje und Tabea holten sich eine peinliche Abfuhr.
„Was bildet der Typ sich eigentlich ein? Der sollte froh sein, dass wir ihn überhaupt bemerken.“

Aber das Rätselraten ging weiter. Hatte Frank längst eine Freundin außerhalb der Schule, sodass er gar nicht auf die Mädchen seiner Klasse angewiesen war? Stand er womöglich gar nicht auf Mädchen, sondern auf Jungen? Aber von seinen Klassenkameraden, das sahen sie ja jeden Tag mit eigenen Augen, hielt er sich auch fern.
Die Mädchen fingen an, Frank zu beobachten, ja, ihn auf Schritt und Tritt zu verfolgen. Viel gab es da nicht herauszufinden. Die reinste Zeitverschwendung. Frank ging nach der Schule ohne alle Umwege und Verzögerungen nach Hause, traf niemanden, hielt sich nirgends auf. Jeden Tag, ohne Ausnahme.
„Aber was macht diese Schlafmütze den ganzen Tag allein, wenn seine Eltern zur Arbeit sind? Verpennt  er seine Jugend? Oder hockt er stundenlang vor der Glotze?“

Es war Dezember. Die Tage waren kurz. Früh brach die Dunkelheit herein und Licht  musste eingeschaltet werden.
„Wir können ja mal nachschauen, was Frank so treibt“, schlug Swantje vor. „Vorausgesetzt, Frank hat sein Zimmer im Parterre und die Vorhänge nicht zugezogen.“

Die Mädchenclique schlich durch den Garten zum Haus und um das Gebäude herum. Nur ein einziges Fenster war erleuchtet und auf Kipp gestellt. Und das war im Erdgeschoss. Vorhänge und Gardinen waren nicht vorgezogen. Die Mädchen konnten ohne Mühe in Franks Zimmer schauen. Er hatte einen breitkrempigen schwarzen Hut aufgesetzt und einen schwarzen weiten Umhang über die Schultern geworfen. In dieser Verkleidung stand er vor einem großen Spiegel und deklamierte mit lauter Stimme und weit ausholenden Gebärden. Es dauerte eine geraume Zeit, bis die Mädchen gewahr wurden, dass es ein englischer Text war, irgendein Theaterstück, das Frank offenbar auswendig konnte:
 

Bless you, fair dame! I am not to you known,
Though in your state of honour I am perfect.
I doubt some danger does approach you nearly:
If you will take a homely man´s advice,
Be not found here; hence with your little ones.
To fright you thus, methinks I am too savage;
To do worse to you were full cruelty,
Which is too nigh your person. Heaven preserve you!
I dare abide no longer.*
 
Die Mädchen verstanden Bahnhof – bis auf Karoline, die nicht nur ein Jahr in den USA als Austauschschülerin verbracht hatte, sondern deren glühender Wunsch es war, Schauspielerin zu werden.
„Ich staune Bauklötze. Das war, glaube ich, Shakespeare. Hättet ihr dem Frank das zugetraut? Und im Englischunterricht kriegt er die Zähne nicht auseinander: Nun aber schnell weg, so weit ich den Text verstanden habe, hat der uns bemerkt.“

Swantje, Tabea und Nada fanden Frank nach diesem Erlebnis eher noch wunderlicher und ließen ihn links liegen, nur Karoline hatte den Schlüssel zu Franks verschlossenem Inneren entdeckt.

Hast du nicht Lust, in unserer Theatergruppe im British Council mitzumachen? Wir studieren demnächst Shakespeares „Romeo and Juliet“ ein?

„Woher weißt du?“, stotterte Frank.

„Das brauche ich nicht zu wissen. Man sieht dir den geborenen Schauspieler an der Nasenspitze an“, log sie, aber Frank hatte schon angebissen.

„Aber nur wenn du die Julia und ich den Romeo spielen darf“, sagte Frank.

„Wir werden sehen“, sagte Karoline, „an mir soll es nicht liegen.“
 

Zitiert nach William Shakespeare: Macbeth, Velhagen & Clasing, Bielefeld, Berlin, Hannover. O. Jz., S. 67
 


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.04.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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