Wolfgang Weniger

Ein Unfall

 

>Auszug aus einem Buch, das irgendwann geschrieben werden wird<

 

 


 
…Dann sagte ich ihr,  dass ich eigentlich noch kurz  in  den kleinen Tabakladen  dort  drüben

müsste, bat sie um ein wenig Geduld.

Nach ein paar Metern drehte ich mich um und winkte ihr zu.  Sie drohte mir  scherzhaft,  lä-

chelte dabei und ich lächelte auch und winkte nochmals,  wollte schnell wieder  bei  ihr  sein

und war in Gedanken schon in dem kleinen Tabakladen.

 

Urplötzlich kam der Wagen auf mich zu.   Ich  hörte das Bremsen,  die blockierenden  Reifen

auf dem Asphalt,  spürte einen furchtbaren,  dumpfen Schlag und wurde durch die  Luft  ge-

schleudert. Glas splitterte und in einer scheinbar verlangsamten Bewegung sah ich, wie sich

der Wagen halb drehte, von mir fortbewegte.  Ich fiel hart auf den Strassenasphalt und ver-

lor das Bewusstsein. 

Irgendwann war da dieser rhythmische Druck auf meiner  Brust,  der mich störte,  realisierte

langsam, dass meine Jacke geöffnet und mein Hemd aufgerissen war.  Eine Stimme befragte

mich,  aber meine Lippen formten nur lautlose Worte und es schien,  als wäre meine  Zunge,

mein Mund vereist.

 

Mein Körper fühlte keinerlei Schmerzen, aber mir war kalt, sehr kalt.  Ich wusste jetzt wieder,

dass ich auf dem Asphalt lag,  zu keiner Bewegung fähig.   Sonderbar,  es  beunruhigte  mich  

nicht.  Mich verwirrten nur die umherstehenden Menschen.  Ich wollte so nicht gesehen  wer-

den. So hilflos.

 

Auf einmal sah ich sie, ihre vor Schreck weit geöffneten Augen, ihre ungläubigen Blicke,  sah

noch, wie sie ihre Hand vor den Mund presste und dann ihre Hände vor ihr Gesicht hielt.

Jemand hatte eine Decke genommen,  schirmte mich damit vor neugierigen Blicken ab.

Vorübergehend fiel ich in einen Halbschlaf,  dachte, ich wäre zu Hause, läge in meinem  Bett 

und das ganze wäre eine Täuschung,  ich selbst ein unbeteiligter,  abseits  stehender  Beob-

achter eines entsetzlichen Traumes.

 

Ich hoffte nur, sie würden mich liegen, mich in Ruhe lassen.

Unter meinem Kopf lag jetzt ein weiches  Kissen und der  Geruch  des schmutzigen  Asphalts

wurde schwächer.  Ich erkannte rotgekleidete Sanitäter, sah aus meinem  Blickwinkel nur ei-

nen Teil ihres Handelns, ihrer Bemühungen, die ich in der Benommenheit kaum begriff.

Eine unbestimmte Angst war nun in mir,  so bedrohlich,  dass sie mein Denken  beengte  und

ständig nur gleiche Fragen zuließ.

 

Wer war ich vor meiner Geburt, was würde aus mir werden, würde mich erwarten?

Warum kämpft jedes noch so kleine Lebewesen um sein  Leben  und  wehrt  sich  gegen  das 

Sterben?  Es musste mehr geben, als nur diese Angst vor dem Tod.

Ich dachte nicht an den Wert des Lebens in diesen kurzen Momenten  der  gleichbleibenden,

flüchtigen Selbstbefragung, denn ich wollte leben,  mich nicht ohne Gegenwehr einer  größer

werdenden Müdigkeit überlassen.

Ich wusste von der Unendlichkeit des Kreises,  wusste,  dass  sich Parallelen  im Unendlichen

schneiden.  Aber sonst?  „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“  Diese einfache Erkenntnis aus der

Antike,  sie war noch immer gültig,  sie war noch immer wahr für  verschwendete,  für  meine

von mir verschwendete Zeit. 

Sanitäter hatten eine wärmende Decke über mich  gelegt,  aber  Kälte  verspürte  ich  schon

längst nicht mehr.

Die rote Kleidung der Helfer, das waren jetzt tanzende, rote Flecke.

Vor meinen Augen wurde es schwarz.

 

Es deutete sich an und die Ahnung, dass ich verlieren würde, vergrößerte die Angst,  ermög-

lichte auf einmal Wünsche und Phantasien, gegen meine Angst.

                                                              -1-

 

Würden mich gütige Engel in unbeschreiblichem Licht  empfangen,  oder wären sie  nur  gnä-

dige Trugbilder in der Agonie?

Nichts würde sein, wer war ich denn schon.

 

Und dennoch wünschte ich mir eine Macht, eine Allmacht mit Kräften,  die sich jenseits mei-

ner begrenzten Vorstellungen befanden, einer Welt,  in der ich nicht mehr verletzbar,  in der

ich glücklich sein durfte.

 

Es kam schneller als erwartet. Ich war innerlich vorbereitet und doch nicht  vorbereitet.  Zu-

sehends fiel ich in einen willenlosen Zustand  und  nicht die Bilder des vorherigen  Lebens  in

schneller Folge zogen an mir vorüber,  wiesen auf Endgültigkeit hin,  es war  die  alles  auslö-

schende Leere in mir.

Augenblicklich wurden sie so unwichtig, die Dinge meines Lebens. 

Ein Blick in die Ewigkeit, Liebe ist das Licht?   Nein, keine Wiedergeburt.

Meine Gedanken wurden weniger,  verloren sich,  meine  Erinnerungen  verblassten und  die

Angst war nicht länger mein Feind.   Ein dunkles Tuch senkte sich über mich und die  Augen

erblindeten.

 

Und wenn auch meine Augen nichts mehr zu sehen vermochten,  so  sah ich mich doch nun

selbst in einer tiefen, unendlichen Schwärze.

Ich war allein. Um mich herum war es still geworden.

Ganz still.

Ich hatte meinen Körper verlassen.

 

 

 

Hildesheim, März 2012

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