Manfred Bieschke-Behm

Adrians Abenteuer - Teil 1 - Eine Weihnachtsgeschichte



In diesem Jahr war es früher Winter geworden, als in den Jahren zuvor. Große Schneeflocken fielen vom Himmel und ließen die Schneedecke in den Straßen wachsen und wachsen. Dicke Schneehauben auf den Autos und auf den Straßenlaternen lassen erkennen, wie viel Schnee in der vergangenen Nacht gefallen war. Fleißige, dick eingepackte Menschen sind damit beschäftigt die Zugänge und Gehwege vom Schnee zu befreien, damit Fußgänger nicht ins Rutschen geraten oder gar hinfallen. Die wenigen Vögel, die sich in schneegepuderte Bäume verdeckt aufhalten, sitzen zusammengekauert auf den Ästen und sehen missmutig dem Treiben auf der Straße zu. Milchig trüb steht die Sonne am Himmel. Immer wieder wird sie gegen ihren Willen von dicken Schneewolken abgedeckt. Längst hat die Sonne es aufgegeben sich dagegen zu wehren was bedeutet, dass nur fades Licht Straßen und Häuser erhellt.
Was die Menschen die in der schneereichen Straße wohnen und die in der Stadt leben nicht mitbekommen ist die Tatsache, dass in der himmlischen Weihnachtswerkstatt Hochbetrieb herrscht. Die lange Zeit des Ausruhens und der langen Weile ist längst vorbei. Obwohl jeder Weihnachtswerkstattengel weiß, welche Aufgaben er zu erledigen hat, gewinnt man den Eindruck, eines chaotischen Durcheinanders. Woran mag das liegen? Ganz bestimmt ist der Nachwuchsengel Adrian nicht ganz unschuldig an dem Chaos. Überall will er mitmachen und merkt nicht, dass er mehr stört, als hilfreich ist. „Lass mich das Schaukelpferd anmalen“, sagt Adrian und schwingt den Pinsel, aus dem schwarze Farbe heraustropft. Ungelenkt fängt er an wahllos Flecken auf den Pferderücken zu malen, was dazu führt, dass der Schaukelpferdmalengel ihm entrüstet den Farbpinsel entreißt und mit einem Lappen die wahllos aufgetragenen ineinanderlaufenden Flecken zu entfernen versucht. Adrian kann nicht verstehen, weshalb er weggeschickt wird, hat er doch sein Bestes gegeben. Flugs geht der naseweise, stets lustige, etwas zu neugierige, manchmal zu laute Adrian zum Engel Bonifatius, der am anderen Ende der Werkstadtstube seinen Arbeitsplatz hat. Bonifatius hat die Aufgabe traditionelle Nussknacker herzustellen. „Was willst du denn hier?“, ruft der Nussknackerhersteller argwöhnisch schon von Weitem zu. „Ich will dir helfen. Sag mir, was ich tun soll und ich werde es machen.“ Bonifatius überlegt kurz und überträgt dem kleinen Nachwuchsengel die Arbeit Bärte anzukleben. Adrian freut sich endlich jemanden gefunden zu haben, der ihm wichtige und verantwortungsvolle Arbeiten zutraut. Selbstbewusst und stolz setzt es sich, nachdem er drei Kissen auf seinen Stuhl abgelegt hat, neben Bonifatius. Vor beiden liegt ein Stapel bartloser Nussknacker. Adrian sieht rechts von sich weiße Bärte liegen. Links von ihm auf dem Nebentisch entdeckt er goldenes Engelhaar, aus dem die Engelfrisuren gefertigt werden. Wen er nicht entdeckt, ist der Engelherstellerengel. Der macht möglicherweise gerade eine Pause, was Adrian sehr gelegen kommt. Er hat nämlich eine tolle Idee: ‚Wieso müssen Nussknacker immer weiße Bärte tragen?’ fragt er sich. ‚Warum nicht mal Bärte aus goldenem Engelhaar?’ Beflügelt von dem Gedanken greift sich Adrian ein Büschel Engelhaar und fängt an daraus Bärte zu formen, um sie anschließend den Nussknackern anzukleben. Gott-sei-dank sieht Bonifatius das Unvorstellbare. Er unterbindet weiteres Unheil, indem er Einhalt gebietet. Missgelaunt schickt er Adrian fort. Vorher fragt er den Nachwuchsengel, was er sich dabei gedacht hat. „Viel!“, gibt Adrian zur Antwort. „Ich finde weiße Bärte langweilig und deshalb entschied ich mich für goldene. Immer dasselbe ist doch abgedroschen – oder?“ „Du musst und wirst noch viel lernen müssen, bis du ein gut ausgebildeter und wissender Engel bist. Die Menschen auf der Erde mögen das Herkömmliche, das Überlieferte. Sie mögen keine Veränderungen. Die meisten Versuche in diese Richtung scheiterten an dem Unwillen der Menschen.“ Adrian hört sich an, was Bonifatius ihm sagt, kann das Gehörte aber nicht nachvollziehen. Die Menschen auf der Erde, so hat er gehört, sind doch laufend damit beschäftigt alles Mögliche zu ändern und ausgerechtet, was Weihnachten betrifft, sind sie so altbacken? Altbacken, das ist das Stichwort. Adrian denkt, wenn er in der Holzpferd- und Engelabteilung nicht gewünscht ist, ist das in der Weihnachtsbäckerei vielleicht anders. Bevor er die Weihnachtsbäckerei betritt, bindet er sich eine weiße Schürze um, die, weil er so klein ist, rundherum auf dem Boden schleift. Die hohe Bäckermütze, die er sich aufsetzt, macht ihn zwar größer, aber nicht den gestandenen Weihnachtsbäckerengeln gleich. Als Adrian die Backstube betritt, schlagen alle Bäckerengel, die mitbekommen haben, wer in der Tür steht vor Entsetzen ihre Hände vor die Gesichter. „Nicht der schon wieder“, bemerkt der Marzipankartoffelherstellerengel. Die anderen Engel stöhnen als Beweis, dass sie Gleiches empfinden haben. Adrian findet es zwar merkwürdig, wie sich die Weihnachtsbäckerengel verhalten, bleibt aber cool. „Hallo hier bin ich! – Habt ihr was für mich zu tun?“ Alle Engel, auch die, die bis noch eben ihre Hände vor ihren Gesichtern hielten, schütteln ihre Köpfe. „Das kann doch nicht sein?“, bemerkt Adrian, „ihr beschwert euch doch immer bei unserem Vorgesetzten, dass ihr zu viel zu tun habt und mindestens Aushilfskräfte benötigt. Jetzt steht ein solcher vor euch und ihr habt keine Arbeit für ihn? Kann doch nicht sein!“, widerholt Adrian und wartet auf eine Reaktion. Endlich erbarmt sich Engel Benedikt. Benedikt ist der Engel, der für das Bestäuben von Weihnachtsgebäck zuständig ist. „Komm her du kleiner blondgelockter Schlingel. Hilf mir beim Puderzuckerauftragen.“ Adrian geht mit stolzer Brust und frohen Mutes in Richtung Benedikt. Kurz bevor er seinen Arbeitsplatz erreicht hat, passiert Folgendes: Adrian verfängt sich in seiner viel zu langen Schürze. Er fängt an zu taumeln und versucht Balance zu halten, was ihm nicht so richtig gelingt. Adrian schwankt nach vorne und läuft Gefahr lang hinzuschlagen. Geistesgegenwärtig greift er nach dem erstbesten Gegenstand, den er zu fassen bekommt. Dass es gerade der Topf mit der warmen Schokolade sein musste, war so nicht gewollt. Der gut gefüllte Topf kippt um und die flüssige Vollmilchschokolade ergießt sich zunächst über die rechte Hand, schließlich über den rechten Arm und letztendlich über die nun nicht mehr strahlenweiße Schürze. Er versucht Schlimmeres zu vermeiden und versucht weiteren Schokoladenüberguss auszuweichen, in dem er den Topf loslässt. Adrian wagt einen Schritt zurück. Er verheddert sich im Schürzenende und es kommt, was kommen musste, er und fällt nach hinten. Zu allem Übel verliert Adrian bei seinem Sturz seine viel zu große Mütze, die im hohen Bogen in einem Topf mit Honig landet, der zum Abkühlen auf dem Boden abgestellt war. Die Mütze füllt sich zusehends mit Honig und versinkt klanglos in der goldgelben Masse. ‚Der Tag ist gelaufen’, denkt Adrian. Er steht unbeholfen auf und schaut peinlich berührt in umherstehende Gesichter, die ihn allesamt auslachen. Adrian ist die ganze Sache mehr als peinlich. Er weiß nicht, wie er aus dieser Nummer herauskommen soll. Auch macht er sich große Sorgen um seine kleinen Engelschwingen, auf die er fiel. ‚Wenn die jetzt beschädigt oder gar abgebrochen sind’, denkt er, werde ich niemals ein vollwertiger Engel werden.’ Adrian ist traurig. Dicke Engeltränen laufen über sein feuerrotes mit Schokolade beschmiertes Gesicht. Haarsträhnen hängen vor seinen feuchten Augen, sodass er nicht sehen kann, dass Petrus die Unruhe in der Weihnachtsbäckerei mitbekommen hatte und jetzt vor ihm steht. „Hallo Adrian.“ Adrian erschrickt. Er weiß, dass Petrus im Allgemeinen sehr gütig ist, aber auch anders kann. Adrian wischt sich mit der schokoladeüberzogenen rechten Hand die blonden Locken aus dem Gesicht und markiert dabei seine Stirn mit zusätzlichen Schokoladestreifen. Während er mit der linken Hand Tränen trocknet, schaut er ehrfurchtsvoll zu Petrus hinauf. Petrus hingegen schaut besänftigend auf ihn hinab und sagt: „Mein lieber Adrian, ich begrüße es, dass du helfen willst und vor keiner Aufgabe zurückschreckst. Aber Tatsache ist, dass du für die hier anfallenden Arbeiten noch zu klein und gleichzeitig überfordert bist. Ich habe mir deshalb überlegt dich mit einer Sonderaufgabe zu versehen ...“ Adrian wird hellhörig. ‚Petrus traut mir eine Sonderaufgabe zu?’, denkt er. ‚Aber hoffentlich nicht wieder Wolkenputzen.“ Wolkenputzen gefällt ihm überhaupt nicht. Er vergleicht diese Aufgabe immer mit dem Schuheputzen, die fast alle Menschenkinder nicht gerne machen. „Pass auf“, fährt Petrus fort, „ich möchte, dass du zur Erde fliegst und dort ....
An dieser Stellehört der erste Teil der Geschichte auf. Wenn ihr mehr von Adrian und seinen Abenteuern erfahren wollt, müsst ihr ein wenig Geduld haben. Aber ich verspreche Euch, dass es weiter gehen wird.
 
Übrigens ....
An diesem Tag, wo so viel Schnee fiel, wie schon lange nicht mehr, wo Vögel keine Lust hatten, zu zwitschern und wo die Schneeschipper es längst aufgegeben hatten, Schnee an die Seiten zu kehren, weil ihnen die Arbeit sinnlos erschien, konnte man in Fenster, die einen Einblick erlaubten, erste Kerzen brennen sehen. Hinter einem Fenster stand ein Nussknacker, natürlich mit weißem Bart, und ein weißes Schaukelpferd mit schwarzen sauber aufgemalten Flecken. Ihr könnt euch denken, dass Adrian hier nicht tätig war. 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.12.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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