Katrin van Randenborgh

Wie Sina Weihnachten lernte

Sina denkt nicht gern zurück.
Sie lebt im hier und jetzt - und ist zum ersten Mal in ihrem Leben mit beinahe allem einverstanden.

Sina hat Glück gehabt, ein Zuhause gefunden, Pflegeeltern und Freundinnen.

Sie friert nicht, hungert nicht, fürchtet sich nicht.

Und sie hat es geschafft zu vergessen.

 

Sina kommt aus Afghanistan.

Dort hatte sie immer Angst: Sie trug eine rastlose Unruhe in sich und kannte nur eine Sicherheit: Nichts bleibt.

Es lohnt sich nicht, an etwas festzuhalten, das verloren gehen wird. Das weiß Sina.

Den Schmerz des Verlustes hat sie zu oft erlitten.

 

Sina macht niemals große Pläne. Sie isst, sie trinkt, sie geht zur Schule.

Sie lernt. Sie folgt. Sie funktioniert.

Sie hat sich an das Tempo der Großstadt gewöhnt, in der sie jetzt lebt. Sie kennt den U-Bahn-Fahrplan, die wortlose Hast auf allen Wegen, den ungebremsten Zwang.

 

Phasen der Ruhe sind für Sina schwierig.

Deshalb übernimmt sie, was ihre neuen Freundinnen ihr vorleben.

Sie trägt Kopfhörer im Ohr und hört - irgendetwas.

Sie spielt am Handy und am PC - und verliert den Kontakt zur realen Welt.

Alle machen das so.

 

Auf YouTube entdeckt Sina einen Film über die Adventszeit. Schneeflocken fallen, Kinder singen, Kerzen brennen, Hände greifen ineinander, Familien rücken- und Freunde halten zusammen.

"Wo ist das?", denkt Sina und googelt.

 

Sie findet viele Einträge.

Aber sie versteht es nicht. Sie fragt ihre Pflegeeltern.

"Weihnachten ist das Fest der Liebe", sagen die.

 

Aus Respekt vor der fremden Religion ihrer Pflegetochter sprechen sie nur wenig vom christlichen Gott, von Jesus und seiner Botschaft. Aber sie erzählen Sina, was sie emotional mit Weihnachten verbinden.

 

"Weihnachten ist das Fest der Nächstenliebe, der Anteilnahme, des Miteinander, aber auch der Ruhe und Besinnung."

"Warum?", fragt Sina.

 

"Wir besinnen uns auf das, was wirklich wichtig ist im Leben," erklären ihr die Eltern.

Sina versteht immer noch nicht.

"Was ist wichtig?", fragt sie sich.

 

Unter dem Christbaum findet Sina ein Buch über Pferde.

Aus dem Buch blicken ihr die sanften Augen der Tiere entgegen.

Sina wird von einer tiefen Sehnsucht erfasst. Sie beschließt, reiten zu lernen.

 

Ihre Pflegeeltern finden einen Hof im Süden Münchens.

Sina muss das Handy in die Tasche stecken, um die Hände frei zu haben.

Sie muss die Kopfhörer aus den Ohren nehmen, um all die neuen Anweisungen zu hören.

 

Weil Sina die Hände benutzt, spürt sie das weiche Fell und die Wärme der Tiere.

Weil sie hören kann, vernimmt sie ihr Schnauben, Brummeln, den Takt der Hufe - und die Welt um sich herum.

 

Sie spürt den Wind in ihren Haaren.

Sie riecht den Regen, das Heu, das Pferd - auch den Mist.

Sie schaut den Ponys beim Grasen zu - und vergisst die Zeit, die Zwänge, die Hast.

Sie gibt ihnen Richtung und Tempo vor - und findet dabei einen eigenen Weg.

 

Sie entdeckt die Treue der Pferde und vertraut.

Sie entdeckt ihre Güte und verzeiht.

Sie entdeckt ihren Witz und lacht.

Sie entdeckt ihren Willen und respektiert.

Sie entdeckt ihre Kraft und staunt.

 

Eines Tages fragen Sinas Pflegeeltern, warum Sina jetzt beinahe jeden Tag zum Reitverein will.

"Unser Hof", antwortet Sina, "ist wie Weihnachten: Es gibt dort Liebe, Anteilnahme, ein aufrechtes Miteinander, aber auch Ruhe und Besinnung. Ich kann dort sehen und erleben, was wirklich wichtig ist."

 

 

 

 

 

 

 
    

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.12.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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