Manfred Bieschke-Behm

Adrians Abenteuer - Teil 2 - Eine Weihnachtsgeschichte



Adrians Abenteuer - Teil 2
Eine Weihnachtsgeschichte

Während die Menschen noch Tage mit den starken Schneefällen zu kämpfen hatten, wartete Adrian darauf von Petrus auf die Erde geschickt zu werden. Das erste Mal wird er sein Zuhause verlassen. Zum ersten Mal wird er seine Geschwister verlassen und zum ersten Mal allein auf sich gestellt sein. Ihr könnt euch vorstellen, wie aufgeregt Adrian bei all dem, was er zu erwarten hatte, war. Adrian hatte keine Ahnung, was ihn auf der Erde erwartet würde. Er wusste nicht, was er mitnehmen darf oder mitnehmen muss. Adrian wusste auch nicht, für welche Aufgabe ihn Petrus ausgewählt hatte. Er wusste einfach gar nichts! Und dieses Nichtwissen ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Ungeduldig lief er hin und her. Seine kleinen Engelflügel wippten auf und ab. Ständig wischte er sich den Schweiß von der Stirn. Den Aufenthaltsraum zu verlassen getraute Adrian sich nicht, denn es könnte passieren, dass Petrus ihn zu sich ruft, und er hört es nicht, weil er nicht im Raum ist.
Am meisten beschäftigte Adrian die Frage, was er auf der Erde tun soll. ‚Vielleicht’, dachte Adrian, ‚vielleicht soll ich den Menschen auf der Erde Weihnachtslieder auf meiner Trompete blasen oder auf der Flöte oder auf der Harfe zupfen. Das Spielen auf den drei Instrumenten hatte Adrian auf der Musikschule, die extra für begabte Engel eingerichtet wurde, gelernt. Der ziemlich strenge Lehrer Engel Hubertus hatte ihm gesagt, dass er Talent besäße und, wenn er fleißig weiter üben würde, ihm eine große Zukunft bevorstünde. ‚Vielleicht hatte Lehrer Hubertus mit Petrus über sein Talent gesprochen und ihn deshalb für einen Besuch auf der Erde auserkoren, dachte Adrian.
Beseelt von dem Gedanken ging Adrian zu seinem Musikinstrumentenschrank und sah in ihn hinein. Die Instrumente waren, wenn auch etwas unordentlich einsortiert und verstaubt im Schrank. Stumpf und glanzlos sahen sie aus. Es war ihnen anzusehen, dass sie lange nicht geputzt wurden. Putzen war Adrians Stärke nicht. Wann immer es ging, hatte Adrian sich erfolglos vor dem Putzen gedrückt. Anderen Engeln sah er oft zu, wie sie ihre Instrumente blank polierten. So blank, dass sich die Sterne in ihnen spiegelten. Er dagegen zog es vor, sich vor der Arbeit zu drücken und stromerte lieber herum. Mit dem Üben nahm er es nicht so genau. Ständig die Tonleitern rauf und runter zu spielen machte ihm kein Spaß. Und neue Lieder einstudieren war anstrengend und langweilig. Viel lieber sah er sich Stadt- und Landschaftsbilder an. Es gab im Himmel eine riesengroße Bibliothek. Dort befanden sich unter anderem für Adrian interessante Bücher, in denen er gerne blätterte. Immer wieder gab es Neus zu entdecken. Neulich überraschten ihn Abbildungen mit hohen schneebedeckten Bergen und tiefe Tälern. Er fand Illustrationen, die ihn ins Stauen versetzten. Dazu gehörten übereinander gebaute Autobahnen und Hochhäuser, die so hoch waren, dass sie fast die Wolken erreichten. Er entdeckte Tiere, die nicht frei herumliefen, sondern in Käfigen gehalten wurden. Er amüsierte sich über Kinder, die über eine Rutsche ins Wasser plumpsten und sich gegenseitig nass spritzten. Nass machen ist auch so ein Thema. Adrian hasst Wasser. Nach Möglichkeit wusch er sich nur die Hände und das Gesicht. Die anderen Teile, so entschied Adrian, benötigen kein Wasser. Bis auf die Hände, das Gesicht und die Füße ist alles eingepackt. Und die Füße ständig zu waschen, hielt Adrian für überflüssig. „Die werden doch sowieso gleich wieder dreckig“, sagt er jedem ins Gesicht, der ihn auf seine unsauberen Füße anspricht.
Plötzlich lief es Adrian eiskalt über den Rücken. Selbst seine kleinen Flügel fingen an, wie Espenlaub zu zittern. „Na kleiner Besserwisser! Jetzt wird es wohl ein bisschen eng für dich“, sagte der pausbackige Wendolin, der plötzlich hinter Adrian stand und ihm demonstrativ seine goldstrahlende Trompete vor die Nase hielt.
„So wie deine Instrumente aussehen, kann ich mir nicht vorstellen, dass Petrus dich zur Erde schicken wird“, sagte Wendolin und zeigte mit seinem ausgestreckten linken Zeigefinger auf die eingestaubten Instrumente im Schrank. Erstaunt und verwundert möchte Adrian vom Wendolin wissen, woher er weiß, dass er zur Erde fliegen und seine Instrumente mitnehmen soll?“
 „Du kennst doch unsere Schwestern und Brüder. Kaum sickert etwas durch, schon macht das die Runde. Dass Petrus die Absicht hat, dich zur Erde zu schicken, blieb nur für eine kurze Zeit dein Geheimnis. Wie ein Lauffeuer hat sich das Großereignis herumgesprochen. Und das du bei deiner Reise deine Instrumente mitnimmst, ist doch klar. Das Einzige, was du einigermaßen gut kannst, ist auf Instrumenten spielen. Und jetzt in der Advents- und Weihnachtzeit werden Engel, wie du einer bist, auf der Erde gebraucht? Was anderes, als auf Instrumente spielen, kannst du doch nicht. Oder?“
„Ich kann noch viel mehr“, verteidigte sich Adrian und schlug die beiden Flügeltüren seines Instrumentenschrankes so heftig zu, dass die Instrumente anfingen, Töne von sich zu beben.
„Was denn?“, bohrte Wendolin nach und sah Adrian, der im Begriff war sich zu entfernen, mit großen Augen an.
„Sag ich nicht. Finde es selbst heraus“, antwortet Adrian schnippisch und zog beleidigt von dannen.
Adrian musste sich beruhigen. Das kann er am besten, indem er sich auf den Rand einer Wolke setzt und einfach nur gerade ausblickt. Nachdem er zur Ruhe gekommen war überlegt er, welche Ausrede er gegenüber Petrus benutzen könnte, um das Mitnehmen der Instrumente zu verhindern. So schmutzig, wie die waren – das war ihm klar - würde Petrus die Mitnahme nicht erlauben möglicherweise ihm die Reise zur Erde sogar verweigern. Während Adrian krampfhaft überlegte, sah er jetzt nicht mehr geradeaus, sondern über den Wolkenrand hinweg. Zunächst entdeckte er seine nicht gewaschenen Füße und dann erst die Erde. Sein Blick konzentrierte sich auf die Straße, in der vor Tagen Menschen versuchten den Schnee zur Seite zu schippen. An der Straßenecke vor der Bäckerei standen drei oder vier Kinder - die genaue Anzahl der Kinder konnte Adrian nicht ausmachen, weil sich immer wieder kleinere Wolken dazwischen schoben – die auf ihren Instrumenten ein Weihnachtslied spielten. Sie spielten „Vom Himmel hoch da komm ich her.“ Adrian kannte natürlich dieses Lied. Er rutsche auf seinem Popo unruhig hin und her und fing an sich köstlich zu amüsieren. „Das Lied passt zu mir wie die Faust auf Auge“, sagte er, "Vom Himmel hoch da komm ich her." Ihr werdet euch wundern, wenn ich plötzlich mitten unter euch bin.“ Vergessen waren die schmutzigen Füße und die eingestaubten Instrumente. Ohne das es Adrian mitbekam, stand plötzlich der persönliche Sekretär von Petrus, Engel Hermestus, hinter ihm und sagte: Petrus möchte dich sprechen. Bitte folge mir.“
Aufgeregt trottete Adrian hinter dem persönlichen Sekretär von Petrus hinterher. Endlich schien es so weit zu sein. Gleich würde er erfahren, wann, wie lange und warum und mit welchem Gepäck Petrus Adrian zur Erde schicken wird. Adrian Herz schlug heftig. Bestimmt dreimal so schnell wie sonst und zehnmal so laut. Adrian war der Meinung, dass auch der Sekretär den Herzschlag hören müsste, so laut, wie es schlug. Der Weg vom Wolkenrand bis zum Empfangsbüro schien endlos. Erst gingen sie einen langen Flur entlang, dann bogen sie rechts ab. Was folgte, war ein ebenso langer Flur, den sie hintereinander laufend bewältigen mussten. Am Ende dieses Flures war ihr Ziel noch nicht erreicht. Es ging noch einmal rechts herum und anschließend links herum. Endlich waren sie auf dem Flur angekommen, an dessen Ende sich die Eingangstür zum Empfangsbüro befand. „Ohne Aufforderung Eintritt verboten“, stand auf einem großen nicht zu übersehenden Zettel, der am rechten großen Türflügel angebracht war. Sekretär Engel Hermestus klopfe vorsichtig an die Tür und wartetet, bis er hörte: „Bitte einzutreten“. Der Sekretär war zwar größer als Adrian aber nicht groß genug die sehr hoch hängende Türklinke, ohne auf Zehenspitzen zu stehen herunterdrücken zu können. Letztendlich gelang es und die Tür sprang auf. Adrian, der noch nie hier war, kam aus dem Staunen nicht heraus. Das Empfangsbüro war kreisrund und bestand eigentlich nur aus Fensterscheiben. Rundherum war freie Sicht, ob in die Ferne oder auf die Erde. Mindestens zehn große Fernrohre waren verteilt im Raum aufgestellt. Neben den Fernrohren standen kleine, hohe Tische auf dessen Ablagen aufgeschlagene Bücher lagen. Adrian versuchte, so gut es ging, in eines der Bücher zu schauen. Er blickte auf handgeschriebene Eintragungen. Lesen konnte er nicht, was da geschrieben stand. Dazu war er viel zu aufgeregt und ehrlich gesagt, fällt Adrian das Lesen noch ein bisschen schwer. Noch weiß er nicht genau die Buchstaben richtig zusammenzusetzen, damit vernünftige Sätze entstehen.
 „Tretet näher“, forderte Petrus, der hinter einem mächtig großen Schreibtisch saß, die Neuankömmlinge auf. Der Sekretär schob Adrian vor sich her, bis dieser bis auf einen Meter Entfernung vor Petrus stand. Petrus stand auf und betrachtete Adrian von oben bis unten und blieb mit seinen Augen unten hängen. „Die Füße“, sagte er mit tiefer Stimme, „die Füße werden aber noch gewaschen, bevor die Reise losgeht – ist das klar?“
Adrian versuchte sein Engelhemd mit beiden Händen ein Stück weit, nach unten zu ziehen. Er wollte damit erreichen, dass seine schmutzigen Füße halbwegs verdeckt werden. Das Hemd ließ sich nicht länger machen, als es ist und außerdem hatte Petrus Adrians ungewaschen Füße ohnehin schon gesehen.
„Ist das klar?“, wiederholte Petrus seine Anweisung.
„Ist klar“, säuselte Adrian verlegen, wie er es immer tut, wenn er sich erwischt fühlt.
„Wenn sich einer von uns auf die Erde begibt, müssen wir Vorbilder sein. Wir können es uns nicht erlauben unangenehm aufzufallen. Wir haben einen guten Ruf zu verlieren. Und deshalb noch einmal: Ist das klar?“
Das war eine nicht zu überhörende unumstößliche Ansage, die keine Widerrede erlaubte. Adrian ließ sein Hemd los und wusste mit seinen Händen nicht wohin.
„Ich habe dich ausgewählt, weil du noch keine ausgewachsenen Flügel besitzt, und die die du hast bei Bedarf gut unter einer Jacke oder Ähnliches verbergen kannst. So getarnt wirst du nicht als Engel wahrgenommen und fällst nicht auf.
‚Klein sein hat auch Vorteile, denkt Adrian und spürte in diesem Moment seine Flügel ein klitzekleines Stück wachsen.
„Eigentlich wollte ich, dass du deine Instrumente mit zur Erde nimmst, aber - so wurde mir berichtet - pflegst du sie nicht so, wie ich es von musikalischen Engeln erwarte. Deshalb bin ich von meinem ursprünglichen Plan abgewichen. Für einen Moment hatte ich sogar überlegt einen anderen Engel zur Erde zu schicken. Da zurzeit kein anderer Engel meiner Vorstellung greifbar ist, habe ich doch dazu entschieden, dich auf die Erde zu schicken. Du fliegst übermorgen, dann haben wir den 2. Advent, in aller Frühe zur Erde.
‚Morgen schon!?, fragte Adrian nach. ‚So schnell. Schon Morgen?“
„Übermorgen habe ich gesagt, nicht Morgen“, korrigierte Petrus und legte seine Stirn in Falten, wobei sich sein langer Rauschebart leicht nach oben bewegte.
Adrian stand ganz entgeistert vor Petrus. Hilfesuchend blickte er sich um. Er sah den Sekretär wie versteinert und angewurzelt in zwei Meter Entfernung stehen. Hilfe konnte Adrian vom Sekretär nicht erwarten. Was sollte der auch tun? Er war der Sekretär von Petrus und nicht vom Adrian.
„Passt dir übermorgen nicht?“, erkundigte sich Petrus, der sah, dass Adrian etwas neben der Spur war.
„Doch, doch“, antwortete Adrian noch immer den Sekretär anblickend.
„Und was für eine Aufgabe hast du für mich?“, erkundigt sich Adrian.
Der Sekretär gibt Adrian ein Zeichen, dass er Petrus anzusehen hat, wenn dieser mit ihm spricht.
„Das erfährst du Morgen. Jetzt geh erst einmal zurück zu deinen Geschwistern.“
Adrian kam sich vor, als würde er alles nur träumen und wenn er aufwachen würde, wäre nicht wahr, was er gerade erlebt hatte.
Bevor Adrian zusammen mit dem Sekretär den Raum verließ, hörte er Petrus sagen: Und vergiss nicht dir die Füße zu waschen und Zähneputzen wäre auch nicht schlecht.“
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.12.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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