Hartmut Müller

Die ewigen Ypsilons

Herr Y.: Ein schwarzgrau melierter Lockenkopf um die sechzig, ein spartanisch wirkendes mageres Männchen mit Brille, verhärmt und weltfremd, geizig und zäh, mit nach innen dösendem Blick. Y. bemerkt von seiner Umwelt nichts, absolut gar nichts, aber er ist nicht unfreundlich, sondern Mathematiker, und als solcher ein ausgewiesener Experte für Nullstellensuche und geschickte Formulierung praktikabler Abbruchkriterien. Sein Schreibtisch ist zwar nich staubfrei, aber stets leer, er hat alles im Kopf. In seinem Schrank sieht es ähnlich aus, die vielen Regale links: leer, und rechts? Da hängt tagsüber sein Anorack und nachts sein blauer verwaschener Arbeitskittel, beide werden morgens und abends ausgetauscht, und er ist der einzige, der diese unnötige Verkleidung praktiziert, denn er sitzt ja nur auf dem Stuhl, keinem sogenannten Schreibtischsessel, sondern einer Art Küchenstuhl, einer Reminiszenz an die Heimat, 45 mitgenommen aus den Sudeten. Er arbeitet nun schon zwanzig Jahre in dem Riesenbürohochhaus und war nach eigener Aussage noch nie in der Kantine, aber das stimmt nicht: einmal war er da, als seine Frau verreist war und er deshalb kein Frühstücksbrot mit hatte, da hat er sich ein Brötchen gekauft und eine Viertelliterflasche Milch, aber nicht, ohne vorher Pfandflaschen aus Abfalleimern zu fischen, die er in Zahlung gab und sogar noch etwas heraus bekam.
Das überschüssige Geld tat er wohlweislich nicht ins Portemonnaie, denn das wäre seiner Frau mit Sicherheit aufgefallen. Und natürlich hatte das jemand beobachtet und herumerzählt, und das wiederum blieb selbst ihm nicht verborgen und war ihm peinlich, soviel soziales Gefühl hatte er, und deshalb hatte er es im Kopf einfach gelöscht, bei einem Programmierer geht das.
Seine Frau, vermurlich die einzige Person, mit der er sich duzt, ist zwar auch klein und mager, verhärmt und streng, sparsam und geizig, spartanisch und sehnig wie er, aber in wesentlichen Zügen das personifizierte Gegenteil, eine stets aktive und durchsetzungsstarke militante BioÖko- Fanatikerin mit unbeugsamem Willen.
Wenn sie zusammen unterwegs sind, hält sie ihn immer an der linken Hand, damit er ihr nicht abhanden kommt, denn sie war und ist Hausfrau ohne eigenes Einkommen, und er ist schon allein deshalb besonders wertvoll für sie. So tappt, tapert und stolpert er im Sauseschritt seitlich hinter ihr her, und beiden ist es nicht peinlich, sie sind es gewöhnt, sehen nur sich und halten zusammen gegen eine chaotische und verschwenderische Welt. Ihm ist es egal, wohin so ein Trip geht, ob in den Supermarkt oder durch die Heide. Ein Auto haben sie nicht, denn dazu fehlt das Ged, und wer sollte es  fahren?
Er hat keine eigenen Vorstellungen, was ihre gemeinsamen Aktionen betrifft, denn er ist auf der Welt, um acht Stunden täglich Algorithmen von anderen zu programmieren. Ob oder wofür  die Programme genutzt werden, interessiert ihn nicht, selbst dann nicht, wenn es ihm jemand erklären wollte.
Als er achtzehn war, ist er leichtsinnigerweise durch Überredung und Versprechungen in die Partei eingetreten, um sie ein Jahr später wieder zu verlassen. Dabei half ihm vermutlich seine Weltfremdheit, die die Abschätzung der Folgen unmöglich machte, denn den unglaublichen Mut  dafür hatte er sicher nicht, aber was weiß man schon sicher ?
Im allgmeínen ist er friedlich, aber wenn jemand versucht, ihn aus seinem Trott zu wecken, dann kann er losgehen wie ein Widder, dem er übrigens ähnlich sieht, dann heißt es: Kopf runter, Hörner nach vorn und Sprung, dass es kracht. Y. liebt drei Dinge, wie man es Männern oft nachsagt: 1. Madrigale von Ockeghem, 2. ein altes Ölgemälde aus seinem sudetendeutschen Heimatdorf und 3. Huflattich. Wenn es im zeitigen Frühjahr losgeht mit den gelben Blüten an den noch blattlosen Stängeln, erscheint er in der Mittagspause im Gelände und lässt nichts aus, jeden Tag nimmt er eine große Tüte voll mit nach Hause, wo seine Frau die Beute trocknet, um sie das ganze Jahr über als kostenlosen Tee zu servieren. Dass er dabei sozusagen verbrannte Erde hinterlässt, glaubt er nicht. Warum er ausgerechnet  Huflattichblüten pflückt, weiß er auch nicht, sie sollen gut sein bei Lungenleiden. Hat er ein Lungenleiden? Nein. Er trinkt nur Huflattichtee und Leitungswasser, kein Bier, keinen Wein, keine Cola, keinen Saft, alles ungesund, und da hat er wohl recht.
Kürzlich sah ich das Zwiegespann nach ca. zwanzig Jahren in der beschriebenen Weise durch einen Großmarkt sausen, sie mit Rucksack und er schräg links hinter ihr. Sie sind jetzt um die achtzig, die ewigen Ypsilons.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.01.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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