Hartmut Müller

Der falsche Bergbauer

Wir hatten uns eine Bergtour von etwa zwölf Kilometern Länge und 650 Höhenmetern über Stock und Stein vorgenommen, und Ausgangspunkt sollte wie schon so oft der Weißbrunnsee sein, von dem viele herrliche Touren abgehen. Jetzt waren wir aber noch mit dem Auto unterwegs zum Startpunkt und hingen ab St. Gertraud hinter einem Tecker fest, der uns auf der schmalen steilen Bergstraße mit ihren diversen Spitzkehren keine Chance zum Überholen ließ. Als wir noch weiter weg waren, dachten wir, dass wir es mit einem Bergbauern zu tun hätten, der irgendwo da oben seine Wiese mähen will, aber als wir näher kamen, stellten wir anhand verschiedener Indizien fest, dass das ein Irrtum war. Ein Bergbauer aus dem Ultental trägt kein Golfcap aus samtweichem Hirschleder mit gelben Paspeln und  keinen anthrazitfarbenen Wolfskin- Anorak mit der großen gelben Tatze auf dem Rücken, und er fährt keinen knallrot lackierten Massey- Fergouson mit verchromter Lichtmaschine und Einspritzpumpe, und er fährt auch nicht stupide und langsam mitten auf der Straße, ohne einen Blick nach hinten zu verschwenden, wo sich bereits eine stattliche Anzahl von Autos angesammelt hatte. Auf dem Freiluft- Fahrersitz thronte ein gestylter alter Dandy, der ganz offensichtlich die Aufmerksamkeit der Straße suchte, ein Jünger der neuen Langsamkeit, ein entschleunigter Egomane. In einer ausladenden Spitzkehre gelang es uns schließlich mit einem riskanten Manöver, diesen Dieselstinker zu überholen und nach einigen Minuten auch fast zu vergessen, man soll ja immer versuchen, sich durch unangenehme Erlebnisse nicht in den Strudel negativer Stimmungen ziehen zu lassen.
Das Wetter war gut, unsere Gelenke schmerzfrei, und in den Rucksäcken hatten wir Wasser und Brot, was will man mehr?
Als wir den Bergsee umwandert hatten, kamen wir wieder am Parkplatz an und wollten gerade unsere Tour beginnen, und wen treffen wir dort? Richtig, den falschen Bergbauern, umgeben von mehreren Leuten im mittleren und gesetzten Alter und dem äußeren Anschein nach alle gut betucht und in der Haupsache Männer. Offensichtlich fand hier eine Staun- und Fragestunde statt, in der es um Radstand, Bodenfreiheit, Nennleistung, Wendekreis, Spurweite, Zylinderzahl und Baujahr ging. Ich will kein Geheimnis daraus machen, dass es sich um einen 4- Zylinder- Diesel F35 mit 40 PS handelt, Baujahr 1959, sagte der Fergouson- Reiter. Er antwortete,  jetzt ganz in seinem Element, jovial und zugleich schulmeisterhaft auf die vielen Fragen der ihn umlagernden Landhausmoden- Träger und fand genau das Milieu, das er gesucht hatte. Dann  erläuterte er "seinen Gästen", dass für ihn jetzt die Zeiten von Stress und Geldmachen vorbei wären, sein Leben entschleunige sich, es sei alles in trockenen Tüchern,  er habe einen höchst komfortablen Anhänger zum Wohnen und Schlafen, in dem seine Gattin gerade mit ihrer Garderobe beschäftigt sei, man wolle heute noch zum Sektempfang ins Meraner Kurhaus, und sie würden sich bei seinen kleinen Extratouren per Bluetooth- Heaset verständigen, zero problemo. Der Fergouson wäre sein Urlaubs- Porsche, und daheim am Starnberger See hätte er noch zwei richtige Wägen, den neuen 911er und einen tabakbraunen Cayenne. metallic, Baujahr 2012. Die Zuhörer nickten verstehend und gleichgesinnt. Der Vorbesitzer seines F35 wäre ein echter Freak und hätte ihm das gute Stück nur verkauft, weil er selber Hand anlegen würde bei der Pflege, was sonst natürlich nicht seine Art wäre, die einen machen, und die anderen lassen machen, hahaha. Aber der F35, ja, soviel Zeit muss sein, man gönnt sich ja sonst nichts, hahaha. Aber nun müsse er, wir wüssten schon: Sektempfang im Kurhaus Meran, die Zeit bleibt nicht stehen, aber das war bisher schon mal ein guter Tag.
Der Weißbrunnsee und die Bergwelt waren ihm keinen Blick wert, und nun konnte  unsere Tour beginnen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.01.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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