Doris Fischer

Familie

In einer Familie zu leben ist eine der nachhaltigsten und äußerst emotionalen Erfahrungen im Leben eines Menschen. Dort findet ein Mensch einen Ort des Friedens und der Harmonie, einen Ort zum Entspannen und Kraft tanken, der Ruhe und Geborgenheit. Darüber hinaus bedeutet Familie Zusammenhalt in allen Lebenssituationen, gegenseitiger Austausch, Vertrauen und Unterstützung. Familie ist wie ein schützender Hafen, an dem man sich fallen lassen kann und wo alle füreinander einstehen in ruhigen wie in stürmischen Zeiten. Jeder Mensch, der Familie auf solch eine intensive Art erleben darf, soll sich glücklich schätzen und dieses wertvolle Geschenk für immer pflegen und in seinem Herzen tragen.
Ich habe bewusst ein idealisiertes und vielleicht etwas zu sehr verklärtes Bild von harmonischer Familienidylle gezeichnet. Ich spreche aus eigener Erfahrung, denn ich habe in meiner Kindheit und Jugendzeit Familie etwas anders erlebt. Ich wurde streng und konservativ erzogen mit sehr wenigen persönlichen Freiheiten. In unserer Familie war es nicht üblich, dass zwischen Kindern und Eltern verständnisvolle Gespräche geführt wurden. Es war nicht üblich, dass wir Kinder uns an die Mutter wenden konnten, wenn wir Sorgen und Probleme hatten. Ich vermisste daher oft die gefühlvolle Zuneigung und das aufrichtige Verständnis meiner Eltern.
Stattdessen wurde ich jeden Tag nur an meine Pflichten und Aufgaben erinnert und daran, den Eltern gegenüber dankbar und gehorsam zu sein. So wuchs ich als schüchternes und trauriges Kind heran. Ich wusste nicht was es bedeutet, selbstbewusst und stark zu sein, denn ich fühlte mich schwach und ohne Selbstwertgefühl.

Erst der Auszug aus meinem Elternhaus veränderte mein bisheriges Leben von einem Tag auf den anderen. Ich konnte zum ersten Mal meine neu gewonnene Freiheit und Unabhängigkeit genießen. Dadurch entwickelte ich persönliche Stärke und ein bis dahin unbekanntes Gefühl von Selbstbewusstsein und Vertrauen. Dies alles erfüllte mich mit großem Glück und Zufriedenheit. Die Freude, ein neues selbst bestimmtes Leben führen zu können, kannte keine Grenzen.

Nach der Gründung einer „neuen“ Familie konnte ich von nun an meine Stärke, mein Organisationstalent und Verantwortungsbewusstsein unter Beweis stellen. Trotz der anstrengenden Aufgaben und der täglichen Forderung von Pflichterfüllung und Funktionieren als Frau, Berufstätige und Mutter erlebte ich zunächst viel Freude und eine große Portion Bestätigung in meiner neuen Rolle. Mit der
Zeit jedoch forderte diese Familie alles von mir und nahm mir die Kraft und die Motivation. Ich hatte selten Zeit, mich fallen zu lassen und durfte auch keine Schwächen zeigen, denn ich war der“ Mittelpunkt“ unserer Familie, an dem alle Fäden zusammenliefen. Das war eine kräftezehrende Aufgabe, die mich bis an meine Belastungsgrenze forderte. Aber ich war eine starke und ehrgeizige Frau und ließ mich nicht unterkriegen. Denn diese Familienzeit war für mich auch geprägt von intensiven und tiefgängigen Erfahrungen und ich wollte keinen Tag ohne meine Familie verbracht haben.
Seit vielen Jahren stehen die Kinder nun auf eigenen Füßen und ich habe endlich genügend Zeit, mich mit Dingen zu beschäftigen, die mir Freude und Entspannung bescheren. Ich habe gelernt, mich an den kleinen und einfachen Begebenheiten des Lebens zu erfreuen und meine Rolle und neu gewonnene Freiheit nach einem zwar anstrengenden aber wunderschönen Leben in und mit der Familie zu genießen.

Bis zu dem Tag, an dem die Pandemie kam! Von da an war plötzlich alles anders. Im Leben unserer erwachsenen Tochter gab es einen großen Riss, und sie verlor alles, was ihr etwas bedeutete. Sie verlor ihre Freude an der Leichtigkeit des Lebens, ihre Spontanität, ihre Aktivitäten, ihre Neugierde. Ihre Freundinnen wandten sich von ihr ab, ihr Bekanntenkreis zerbrach. Sie zog sich vom Leben zurück, die Bewältigung ihres Alltags fiel ihr immer schwerer. Ihre beruflichen Aufgaben wurde ihr von Tag zu Tag immer mehr zur Last. Sie versank in Depressionen. Was war passiert? Sie entwickelte eine massive Angststörung ausgelöst durch die Pandemie. Seit fast drei Jahren lebte sie nun in Angst und Schrecken, sich mit dem Virus anzustecken.
Meine neue Freiheit war mit einem Schlag zu Ende und ich musste wieder die Rolle als Mutter übernehmen. Denn meine Tochter brauchte Hilfe, Verständnis, Zuspruch, Unterstützung im Alltag, Fürsorge, die nur ich ihr geben konnte. Für mich fing eine emotional sehr anstrengende und belastende Zeit an, die bis heute andauert. Ich befand mich in einer unbeschreiblichen Belastungssituation, aber ich wusste, dass ich stark sein musste und dass ich gebraucht werde.

Ich konnte meine Tochter doch nicht untergehen lassen!
Mutterliebe ist bedingungslos für immer und ewig!

Nach langem Ringen mit sich selbst und mit mir hat meine Tochter nun nach über zwei Jahren verstanden, dass sie nur aus ihrer seelischen Krise herausfindet, wenn sie sich für professionelle Unterstützung entscheidet. Denn ich war nicht mehr länger bereit, für sie die „Therapeutin“ zu sein.
Denn dieser Aufgabe konnte ich als Mutter in keinem Fall gerecht werden und ich hatte auch langsam keine Kraft mehr dazu.

Ich freue mich schon heute auf diesen Tag, an dem meine Tochter eine gute Therapeutin gefunden hat, die ihr helfen kann, wieder in ein normales Leben, ohne Ängste und Depressionen zurückzufinden.
Während dieser schweren Zeit habe ich erneut gelernt, dass „Familienarbeit“ und „Mutter sein“ lebenslange Aufgaben sind, die man nicht einfach zu einem bestimmten Zeitpunkt abgeben kann.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.07.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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