Klaus-D. Heid

Bohrender Schmerz - Teil 1

Es war Dieling nicht möglich, lange darüber nachzudenken, was mit ihm geschah. In genau der Sekunde, als ihm bewußt wurde, was sich da in seinen Kopf bohrte, erkannte er zwar dieses typische Zahnarztbohren - wurde allerdings sofort von dem eintretenden Schmerz so überwältigt, dass für weitere Gedanken außer Schmerz, kein Platz blieb. Dieling registrierte noch, dass es unmöglich ein Zahnarzt sein konnte, der versuchte, Dielings Kopf aufzubohren. Welcher Zahnarzt würde so etwas tun? Dann gab es keine klaren Gedanken mehr in Dielings Kopf. Nur noch der Wahnsinn des unerträglichen Schmerzes, der unaufhaltsam und immer tiefer in Dielings Schädeldecke eindrang. Der Gestank von schmorendem Fleisch und Gewebe - das widerliche Geräusch des Stahlbohrers, der mit fünftausend Umdrehungen in der Minute seinen Weg suchte und das aus der Öffnung herausspritzende Blut - all das konnte Dieling nicht mehr wahrnehmen. Kurz nachdem sich der Stahlbohrer in seine Stirn bohrte, war Dieling bewusstlos geworden. Der unerträgliche Schmerz verhinderte, dass Dieling Gelegenheit hatte zu erkennen, wie weit sich die monströse Apparatur in sein Gehirn hineinfraß. Zum Zeitpunkt des Todes war Dieling bereits von allen Empfindungen befreit. Dort, wo der Bohrer eintrat und am Hinterkopf des Toten erkannte man nur noch die Sechskantschraube und die Kontermutter. Eine Schraube - quer durch Dielings Kopf - machte aus dem Schädel eine perverse Kopie des Frankensteinmonsters. Nur, dass eben Dieling tot war.

Unwiderruflich tot und ohne Hoffnung auf ein zweites Leben.

Die Hütte

Mehr noch als das Tageslicht fürchtete Toni Marks die Ruhe.

Überall umgab sich Toni mit irgendeiner Form von Krach; wobei es ihm egal war, welcher Lärm ihn umgab. Durch die Hütte drangen meistens überdrehte Technoklänge mit ihrem rhythmischen Klopfen und zusätzlich sorgte ein zweiter CD-Player mit folkloristischen und überlauten Gesängen für eine idiotische Mischung, die nur von einem wirren Geist zu ertragen war. In der Atmosphäre von Kerzenlicht, verdunkelten Fenstern und irrem Krach fühlte sich Toni Marks sicher und geborgen.

Er hatte alle Lampen im Haus abmontiert, hatte schwere Decken an die Fenster gehängt und dafür gesorgt, dass nicht der kleinste Lichtstrahl in die Hütte dringen konnte. Selbst die Wände hatte Marks mit Schaumstoffplatten abisoliert, um zu verhindern, dass auch nur der kleinste Laut seiner wahnsinnigen Lärmmischung die Hütte verließ. Die Hütte war relativ klein, hatte nur eine Etage und war nicht unterkellert. Sie bestand aus drei Räumen: einer kleinen Küche, dem Wohnzimmer, dass gleichzeitig Marks Schlafraum war und einem kleinen Abstellraum. Und es stank bestialisch in allen Räumen nach Abfall und verfaulten Essenresten. Ein gespenstisch anmutendes Licht, das die wenigen Kerzen in der Hütte verbreiteten, verstärkte noch den Eindruck einer Hexenküche, in der - auf eisernen Herdplatten - Spinnenbeine und Rattengedärme gekocht wurden. Schatten fielen auf die Wände und lebten ihr eigenes bewegtes Leben inmitten einer ekligen, schrecklichen Szenerie.

Die wenigen Möbel in Marks Hütte waren vom Ruß der Kerzen verschmiert und mit einem dicken Schmutzbelag versehen. Am Holz des Tisches und der Stühle klebten halbverfaulte Insekten; Kerzenwachs war überall auf dem abgetretenen Parkett verteilt und die Couch in der Mitte des Schlaf- und Wohnzimmers, die gleichzeitig Marks Bett war, bot unzähligen kleinen Krabbeltieren eine stinkende Heimat. Alles in Allem war die Hütte ein abstoßender Ort für jeden Menschen und niemand würde freiwillig diese Räume betreten, ohne gleichzeitig vor Übelkeit würgen zu müssen.

Toni Marks hingegen liebte den Schmutz und die lärmende, stinkende Aura um ihn herum. Sein eigenes Äußeres passte perfekt in diese Ausgeburt ekelerregender Umstände. Marks trug bei Tag und auch in der Nacht die gleichen Klamotten. So trug er maßgeblich dazu bei, den Gestank in der Hütte noch zu perfektionieren. Seine weitausgebeulte Jogginghose war nicht nur von Hunderten kleiner Brandlöcher versehen - sie wäre wahrscheinlich auch nicht in sich zusammengefallen, wenn Marks sie irgendwann einmal ausgezogen hätte. Das ehemalige Blau der Hose hatte sich im Laufe der Jahre in ein schmutziges Braun verwandelt und ein besonders großes Loch an der Vorderseite erleichterte Marks seine kleinen Geschäfte, ohne dabei die Hose herunterziehen zu müssen.



Kot- und Uringestank verlor sich im erstickenden Dunst der abgedunkelten Hütte. So völlig unbeobachtet sah auch niemand die zerfetzte Militärjacke, die Marks ständig auf seinem Oberkörper trug. Sie schlotterte an ihm herum und ließ - da er sie immer offen trug - den Blick frei auf seinen schmierigen, völlig haarlosen Bauch und seine nackte, wabblige und weiße Brust, an der auch jedes Haar fehlte. Weil Marks sich nur nachts und auch nur ganz selten, wenn er "auf der Jagt" war, nach draußen begab, war seine Haut fast weiß. Nur die Schicht von Dreck und Ruß auf seiner Haut verhinderte, dass Marks Körper nicht wie der Inhalt einer Zahnpastatube wirkte.

Weil er sich selbst nie die Haare schnitt und natürlich auch nie zum Frisör ging, wuchsen seine einzigen Haare am Körper wild und zottig vom Kopf herab. Ohne Barthaare schien Marks Frisur wie ein aufgestülpter Mob auszusehen, der seit Jahren in einer öligen Schmutzwasserlake gesteckt hatte. Marks Zähne - inmitten der abstoßenden Visage - waren das Einzige, was unbegreiflicher Weise im krassen Gegensatz zum Rest von Marks Erscheinungsbild stand. Strahlend weiß und ohne jeden Makel leuchteten die Zähne aus einer abstoßenden Grimasse heraus und betonten so noch mehr die funkelnden, irre blitzenden Augen Toni Marks. Große, fast schwarze Augen, die im Schein des Kerzenlichts wie angestrahlte schwarze Murmeln wirkten, in denen jede Menschlichkeit, Güte oder Humor erstickt wurden. Hätten sie nicht dieses sonderbare Leuchten, würde jeder glauben, Augen aus Glas vor sich zu haben. So aber war Marks das vollkommene Abbild des Teufels:

Grausam, kalt und Lichtjahre von jeder menschlichen Regung entfernt.

Irgendwie passte das ordentlich an der Wand befestigte Werkzeug nicht in das Chaos der Hütte. Rechts, neben der Eingangstür - die mit dicken Holzriegeln verschlossen war - war alles an der Wand befestigt, was Marks das Leben lebenswert machte. Auf einem kleinen Regal waren nach Größe und Durchmesser sortiert, die Eisenbohrer angeordnet und darüber hingen - wieder nach Größe sortiert - die passenden Handbohrmaschinen. Über den Handbohrmaschinen hatte Marks ein weiteres kleines Regal befestigt, auf dem sich die unterschiedlichsten Schrauben und Muttern befanden. Alle ordentlichst nebeneinander aufgereiht und alle mit einem winzigkleinen Papierschnipsel versehen, auf dem eine Nummer vermerkt war.

Hätte man Toni Marks ganze Hütte durchsucht, wäre dieser Platz der einzige gewesen, der so etwas wie "Ordnung" ausstrahlte. Nur der schon eingetrocknete Kopf auf dem Regal mit den Schrauben ließ einen sofort wieder jeden positiven Gedanken vergessen. Im Laufe der Jahre fast zur Hälfte seiner ursprünglichen Größe zusammengeschrumpft, musste Marks jeden Tag etwas an der Mutter drehen, die die Schraube im Kopf hielt, um dafür zu sorgen, dass der Schrumpfungsprozess nicht zuviel Spiel für die Schraube ließ. Für Marks war es fast ein Ritual wie das Stellen einer Uhr, wenn er mit seinem Schraubenschlüssel die Mutter festzog. Aus dem kleinen Abstellraum drang ein schmerzerfüllter Schrei.

"Hör auf zu jammern, Scheißer!"

Marks hasste es, wenn seine "Gäste" lauter schrieen, als der Krach, der aus seinen Musikboxen dröhnte.

"Bist bald dran, Scheißer! Und jetzt halt’ s Maul!"

Es war immer das Gleiche. Warum konnten seine "Gäste" nicht einfach abwarten, bis sie an der Reihe waren? Bis jetzt war auch nicht einer dabei, der nicht versucht hat, Marks Konzentration zu stören. Als wenn alles so einfach war! Schließlich musste Marks ganz bestimmte Abläufe einhalten und konnte nicht einfach wild drauflos bohren. Bohren konnte jeder, aber genau den richtigen Punkt finden – das war eine echte Kunst. Der Punkt, wo der Bohrer ansetzen musste, um das Zentrum der Seele zu treffen. Der richtige Bohrwinkel, damit Marks nicht alles versaute! Die richtige Geschwindigkeit, mit der Marks den Handbohrer drehte und dafür sorgte, dass im Schädel nichts beschädigt wurde, was später noch gebraucht wurde! Das alles waren Dinge, die gut vorbereitet sein wollten. Da kann man nicht einfach drauf losbohren und auf Teufel komm raus ein Loch in den Schädel produzieren. Und auch die Schrauben... Eine echte Kunst war es, die Schraube so einzudrehen, dass man Marks nichts vorzuwerfen hatte. Niemals würde er Pfusch abliefern. Jedes Detail seiner Arbeit hatte einen Sinn und erforderte Konzentration. Deswegen hasste es Marks, wenn seine "Gäste" dafür kein Verständnis hatten.

Das Geschrei wollte nicht aufhören. Abgeschottet von den isolierten Wänden und zugehängten Fenstern blieben die Schreie zwar in der Hütte, aber um so mehr hallten sie durch die Räume.

"Du bist gleich dran, Scheißer! Gleich kommt dein großer Moment und du darfst einen Schmerz erleben, wie ihn nur wenige Auserwählte erfahren dürfen. Und jetzt halt endlich die Fresse, du Scheißer, sonst werde ich dir zur Einstimmung den großen Zeh abschneiden!"

Das Geschrei wurde etwas leiser und Marks griff nach dem Handbohrer.

"Du wirst mit mir zufrieden sein, Meister. Diese Mal werde ich dir eine besonders gute Arbeit vorlegen, auf die du stolz sein kannst!"

Die imaginäre Gestalt, zu der Marks sprach, antworte nicht. Jedenfalls nicht für andere hörbar. Nur Marks schien aufmerksam einer Antwort zu lauschen, die sein Gehirn aufnahm.

"Du meinst, dass ich meine Sache gut mache, Meister? Oh ja, ich habe Dir noch viel zu geben, denn ich weiß, dass Du noch viel mehr brauchst! Natürlich kannst Du dich auf mich verlassen, Meister! Ich werde derjenige sein, der Dich deinem Ziel näher bringt. Ich werde tun, was immer Du von mir erwartest!"

Nach diesem Gespräch zwischen Marks und dem offensichtlichen Auftraggeber für sein Handeln ging Marks zu seinem "Gast", um die Arbeit zuende zu bringen, die er bereits begonnen hatte.

Wie ein zusammengesunkenes Häufchen Unglück saß, auf einem wackligen Holzstuhl festgebunden, ein Mann, der mit schmerzverzerrtem Gesicht auf sein Ende wartete. Ein dicker Stoffknebel steckte so in seinem Mund, dass er zwar schreien konnte, aber kein verständliches Wort ausbringen konnte. Der Kopf des armen Teufels war mit Drähten an einer Vorrichtung befestigt, die verhinderte, dass sich der Kopf bewegen konnte. Der "Gast" saß also kerzengrade auf seinem Folterstuhl und hatte keine Chance, auch nur einen Millimeter weit seinen Kopf abzuwenden, als er Marks mit dem Bohrer auf sich zukommen sah.

Verzweifelt versuchte der "Gast" den Kopf zu bewegen, aber die Drähte hielten ihn fest umklammert. Mit weitaufgerissenen Augen beobachtete der Mann, wie Marks irgendwie abwesend lächelnd, den Bohrer anhob und ihn immer näher an die Stirn des Opfers führte.

"Gleich wirst du einen Schmerz verspüren, der dich neue Dimensionen der Erfahrung durchleben lässt. Hoffentlich hältst du länger durch, als die anderen. Versteh´ doch: du musst nicht gegen den Schmerz ankämpfen - du musst ihn dankbar annehmen. Es ist schließlich ein Geschenk des Meisters, dass du ausgewählt wurdest, sein Gast zu sein. Also erweise dich als würdig und höre endlich auf, so erbärmlich zu jammern. Es gibt keinen Ausweg für dich. Und nun geht’s los..."

Der kalte Stahlbohrer wurde von ruhiger Hand ungefähr zwei Zentimeter über der Nase des "Gastes" angesetzt. Dann fing Marks an, mit einer drehenden Handbewegung die Maschine in Gang zu setzen. Er wusste, dass die ersten Sekunden immer die schwierigsten waren, weil seine "Gäste" sich immer versuchten, zu sträuben. Warum konnten sie nicht begreifen, dass es unabänderlich war, was geschah? Was sollten also diese lächerlichen Krampfbewegungen, wenn sie spürten, dass gleich ein dreißig Zentimeter langer Bohrer durch die Schädeldecke und durch das Gehirn eindringen würde?

Meistens enttäuschten ihn die "Gäste", weil sie viel zu schnell ohnmächtig wurden. Marks dachte sich, dass es vielleicht daran lag, dass er zu schnell bohrte. Auf jeden Fall sollte es dieses Mal anders laufen. Dieses Mal würde er genau auf die Reaktionen seines "Gastes" achten und bei den ersten Anzeichen für eine Ohnmacht würde er sofort die Bohrung unterbrechen und erst dann weitermachen, wenn er sicher war, dass das Bewusstsein für die Schmerzempfindung noch ein Weilchen länger anhalten würde.

Der Bohrer hatte inzwischen die Schädeldecke durchdrungen. Nun begann die Phase, in der es auf eine genaue Beobachtung des "Gastes" ankam.

"Schade nur, dass du nicht reden kannst! Wie gerne wüsste ich, wie du dich jetzt fühlst...!"

Die hämmernden Töne aus den Boxen der Stereoanlagen dröhnten in Marks Ohren. Die Kombination aus rhythmischen und gegensätzlich schlagenden, hämmernden Tönen versetzte Marks in eine seltsame Trance und brachten ihm eine Ruhe, die ihn konzentriert arbeiten ließ. Jeder andere würde bei solchen widernatürlichen und ungleich dröhnenden Tönen wahnsinnig werden... Nur Marks empfand seine "Musik" stimulierend für die Arbeit, die er verrichtete.

"Jetzt werde ich dein Gehirn durchbohren, verstehst du? Das beste am ganzen Zeremoniell kommt nun und du darfst auf keinen Fall ohnmächtig werden. Du musst erleben, wie es ist, wenn sich langsam der Bohrer durch deine Gedanken und Empfindungen frisst. Wenn er dich an allen Stellen berührt, die deine Seele lagern und wenn die Windungen deines Hirns registrieren, was mit ihnen geschieht, wirst du eine gewaltige Demonstration der Macht des Meisters erleben. Du MUSST einfach wach bleiben, verstehst du?"

Marks bewegte die Maschine mit seiner rechten Hand, während er mit der linken den Griff der Bohrmaschine festhielt. Aus dem Mund des "Gastes" drang nun ein Jammern, dass sich wahrscheinlich schon im Unterbewusstsein mit dem Ende abgefunden hatte. Mehr ein klagendes Stöhnen, als ein Versuch, vor Schmerzen zu schreien. Marks kannte das. Er wusste, dass irgendwann jeder statt Schmerzen nur noch Verzweiflung ausdrücken konnte. Irgendwie ertrugen seine "Gäste" den Schmerz nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkt und danach wechselte die Empfindung in Resignation und unterbewussten Übergang zum nahenden Tod. Marks dachte oft darüber nach, wann denn der Zeitpunkt kam, wo sich die Seele verabschiedete, um den leeren Körper seiner Tortur zu überlassen. Wahrscheinlich war es genau der Moment, in dem das Schreien endete und das Wimmern begann.

Mittlerweile hatte der Bohrer die Hälfte seines Weges durch die weiche Masse des Gehirns zurückgelegt. Als Marks für einen Augenblick auf das Gesicht des "Gastes" sah, hätte er schreien können. Wieder hatte einer einfach aufgegeben und sich verabschiedet.

Sein "Gast" war tot.

Nun konnte Marks - verärgert - seine Arbeit schneller zu Ende bringen. Er drehte den Bohrer so schnell er konnte und hatte kurz danach die Schädeldecke des Hinterkopfes erreicht.

Als der Bohrer aus dem Kopf austrat, war es wieder dieses Knirschen der aufplatzenden Schädelknochen, das Marks zumindest ein abschließendes Glücksgefühl bereitete.

"Du hättest es selber hören können, du Scheißer! Du hättest erleben können, wie unglaublich sich dein Schädel anhört, wenn er aufgebohrt wird. Und du hättest gespürt, dass es ganz andere Geräusche sind, wenn der Bohrer austritt, als wenn er eindringt. Wirklich erstaunlich, aber du musstest ja einfach abkratzen, du Scheißer!"

Sobald Marks die Bohrung abgeschlossen hatte, hieß es, sich zu beeilen, denn wenn nicht schnell die Schraube eingesetzt wurde, konnte zuviel Flüssigkeit aus den Bohrlöchern tropfen und Marks wollte auf jeden Fall vermeiden, dass die Seele seiner "Gäste" aus den Löchern verschwinden konnte. Also griff er nach der neben ihm liegenden Schraube und setzte sie vorsichtig an der Eintrittsöffnung an. Dann drückte er sie langsam in das Loch, um zu vermeiden, dass Gehirnmasse und Hirnflüssigkeit auf der anderen Seite herausgedrückt wurden. Ganz vorsichtig und unglaublich langsam drang die Schraube immer tiefer ein. Nach kurzem Abtasten der inneren Schädeldecke fand Marks die Austrittsöffnung und freute sich wie ein kleines Kind, als er am Hinterkopf die Schraube austreten sah. Sofort griff er nach der Mutter, um die Schraube zu verankern.

"Nun bist du perfekt, du Scheißer! Mein Meister wird mit meiner Arbeit zufrieden sein, obwohl wir etwas mehr Mitarbeit von dir erwartet hatten, wenn du verstehst, was ich meine!"

Er drehte die Mutter soweit es ging mit der Hand fest und zog sie anschließend mit einem Schraubenschlüssel richtig an, bis er spürte, dass weiterer Druck nur den Schädelknochen brechen lassen würde. Marks war mit sich zufrieden! Nun blieb ihm nur noch die unangenehme Arbeit zu tun, die leider unvermeidlich war: das Abtrennen des Kopfes und die Beseitigung des überflüssigen Körpers. Obwohl inzwischen eine gewisse Routine bei Marks eingekehrt war. Schließlich hatte er diese Prozedur schon siebzehn mal durchgeführt und wusste ganz genau, wo er die Säge anzusetzen hatte, ohne dass zu viel Blut durch den Raum spritzte.

"So, Scheißer! Nun sag schön deinem Kopf auf Wiedersehen...!"

Toni Marks stellte den abgesägten Kopf zu den anderen in die Kühltruhe und begann, den Körper in Folie einzuwickeln. Auch dieses Mal würde er ein schönes Fleckchen finden, wo er ihn verschwinden lassen konnte.

Es war jedes mal ein kleines Abenteuer für Marks, seine "Gäste" auszusuchen und zu kidnappen. Der eine stellte sich ein bisschen dämlich an und versuchte, sich zu wehren - der andere war so geschockt, dass er stocksteif alles mit sich machen ließ und wieder ein anderer brach in Gejammer und Geheule aus und flehte Marks an, ihn doch in Ruhe zu lassen und ihn zu verschonen.

Marks hatte Übung darin, sich auf jeden unterschiedlichen "Gast" einzustellen. Zwar verfügte er nicht über gewaltige Körperkräfte, aber er stellte sich jedes mal so geschickt an, dass fast immer die Überrumpelung Mittel zum Erfolg war. Nur ein Mal - es war sogar eine Frau! - fiel es Marks schwer, sein Opfer zu übertölpeln. Er hatte die Frau beobachtet, als sie gerade vom Einkaufen kam und ihre Sachen in den Wagen laden wollte. Inzwischen war es stockfinster draußen und weil es regnete, versuchte die Frau sich zu beeilen. Sie achtete nicht auf das, was hinter ihr geschah, sondern hatte nur ihre beschissenen Einkäufe im Kopf. Marks versuchte, sich von hinten an die Frau anzuschleichen und ihr mit dem Totschläger eins überzuziehen; doch genau in dem Moment, als er zuschlagen wollte, drehte sich die blöde Kuh um und tat instinktiv das, was sie in irgendeiner dieser dämlichen Selbstverteidigungskurse gelernt haben musste. Sie trat - während sie sich drehte - mit aller Wucht in Marks Weichteile und erreichte mit ihren spitzen Schuhen, dass sich Marks fürchterlich krümmen musste, um den Schmerz in den Hoden zu ertragen. Das war aber auch schon alles, was die Frau gelernt hatte. Denn nun tat sie nichts anderes, als lauthals nach Hilfe zu rufen, anstatt einfach abzuhauen.

Nach ein paar sehr schmerzhaften Sekunden hatte sich Marks wieder im Griff und packte die Frau direkt an der Gurgel, um das Geschrei zu beenden. Verstärkt durch den Schmerz und die aufkommende Wut über die alte Zicke griff Marks etwas zu heftig zu. Er presste den Kehlkopf der Frau so brutal und unbeherrscht zusammen, dass sie zwar aufhörte zu schreien, aber auch nie wieder schreien würde. Erst als Marks begriff, dass er sie umgebracht hatte, ließ er von ihr ab.

Der Regen hatte ihn inzwischen völlig durchnässt und Marks war stinksauer, dass er die Chance verpasst hatte, die Frau lebend in aller Ruhe bearbeiten zu können. Dazu kam, dass der Meister mit Sicherheit unzufrieden war, weil Marks seine Aufgabe nicht gut gelöst hatte.

"Bitte verzeih mir, Meister! Beim nächsten Mal werde ich mir mehr Mühe geben!"

Marks ließ die tote Frau einfach im Regen und auf dem Boden liegen und machte sich verärgert auf den Weg in die Hütte. Wahrscheinlich würde man die Leiche finden und das ganze für einen misslungenen Sexualmord halten. Irgendwie gefiel Marks diese Idee noch nicht. Es war bestimmt glaubhafter, wenn die Frau tatsächlich missbraucht wurde...

Marks drehte mit seinem Wagen um und brachte die Sache zu Ende. Obwohl es immer noch in Strömen regnete, fand er sogar Gefallen an der Situation. Erstens war es stockdunkel und zum zweiten war um diese Zeit kaum jemand unterwegs. So konnte er sich ganz ungestört über die tote Frau hermachen, ohne ein großes Risiko einzugehen.

"Könntest wenigstens mal´n bisschen schreien, blöde Kuh!"

Er schloss seine Hose und warf einen letzten Blick auf die missbrauchte Leiche.

"Bis zum nächsten Mal, Süße...", sagte Marks und fuhr nun doch bessergelaunt in die Hütte.

Der Fund

Eric Zablewski leitete die Sonderkommission "Torso". Seit über einem Jahr hatte er das Problem, sieben Leichen zu haben und keinen einzigen Anhaltspunkt zu besitzen, der ihm weiterhelfen konnte. Es gab keinerlei logische Verbindung zwischen den Toten und die Fundorte der kopflosen Leichen war völlig systemlos über einen Radius von dreihundert Kilometern verteilt. Seit einem Jahr schaffte es seine Abteilung mit Unterstützung des Polizeichefs, so gut wie keine Informationen an die Presse durchsickern zu lassen.

Vier Männer und eine Frau arbeiteten ausschließlich am Fall "Torso", ohne auch nur die kleinste Erfolgsmeldung. Inzwischen wuchs der Druck seitens des Polizeichefs und auch die Presse hatte von irgendeiner Quelle Wind von der Sache bekommen. Auf jeden Fall schien die Zeit der konzentrierten Arbeit vorbeizusein, denn Paul Hasting bat Zablewski um Rückruf. Hasting war der schärfste Reporter der Boston World, der reißerisch aufgemachten Regionalzeitung in Boston. Und Hasting war dafür bekannt, dass er eine Nase für geheime und verschwiegene Ermittlungen hatte. Woher auch immer - Hasting hatte immer einen Informanten, der ihm nur ein Stichwort geben musste, damit er aktiv wurde.

Und genau das war jetzt passiert.

"Hallo, Paul! Wenn Du mich anrufst, weißt Du meist mehr, als ich! Was kann ich für Dich tun?"

Zablewski versuchte erst einmal, den Ahnungslosen zu spielen, obwohl er wusste, dass Hasting solche Spielchen nie ernst nahm.

"Hallo, Eric. Na, Du alter Schnüffler, bist Du wieder mal in eine richtige beschissene Sache erwickelt?"

Zablowski hatte es geahnt. Hasting wusste von dem "Torso" Fall.

"Mal langsam, mein Freund! Ich habe jeden Tag nur beschissene Sachen auf dem Tisch. Welcher Autodieb interessiert Dich denn diesmal, hä?"

"Autodieb? Du erlaubst, dass ich mich etwas amüsiere, Eric? Als wenn Du nicht wüsstest, was ich will. Pass auf, ich werde Dir eine kleine Brücke bauen, weil wir zwei uns schon so lange kennen und schätzen...!"

Eric Zablewski musste jetzt schnell reagieren, um Hasting den Wind aus den segeln zu nehmen.

"Fang bloß nicht an, auf unsere Freundschaft zu bauen, Paul. Es gibt keine Freundschaft zwischen uns! Du bist ein Presseschnüffler und ich bin ein Bulle. Das heißt, Du und ich - wir sind so unterschiedlich wie Feuer und Wasser. Sülz also nicht rum und komm zur Sache, Schnüffler."

Hasting wusste, wie man richtig zu kontern hatte, als er sagte:

"Fünfzehn Jahre kennen wir uns, Eric und Du willst mir vorenthalten, dass Du kopflose Leichen in deinen Akten stapelst? Seit einem Jahr steht die unfähige Bostoner Polizei vor einem Rätsel - wir bieten Dir unsere Hilfe an - und Du tust so, als wüsstest Du von nichts? Eric! Eric, ich bin echt enttäuscht von Dir!"

Jetzt war’s raus. Hasting hatte eine Quelle gefunden, die ihm brühwarm Informationen verschafft hatte. Jetzt galt es, den Schaden zu begrenzen, wenn das überhaupt noch möglich war...

"Hör jetzt genau zu, mein Freund! Wenn ohne meine Zustimmung auch nur eine klitzekleine Andeutung in Euerm Schmierblatt auftaucht, werde ich persönlich dafür sorgen, dass du in Zukunft die Klos am Bahnhof putzen darfst. Kapiert?"

"Soll heißen, dass ich richtig liege, Freund?"

"Denk an Deinen neuen Putzjob, Paul. Du wirst von mir nur die Informationen bekommen, die von offizieller Seite freigegeben werden. Nicht mehr und nicht weniger. Und zwar erst dann, wenn wir es für richtig halten!"

Hasting dachte noch nicht daran, aufzugeben.

"Da steckt doch wohl keine Drohung hinter, mein kleiner Polizeifreund? Du willst doch bestimmt nicht gegen solche grundsätzlichen amerikanischen Elemente wie "Pressefreiheit" verstoßen und mir vorschreiben, was ich und wann ich was zu schreiben habe?"

Es war eine Scheißsituation für Zablewski. Auf jeden Fall musste er jetzt Zeit gewinnen, um sich den Rücken freizuhalten.

"Ich verspreche Dir, Paul, dass es in Kürze eine Pressekonferenz zu diesem Fall geben wird und dass Du einen Platz in der ersten Reihe bekommst. Bis dahin wirst Du gefälligst Deinen Arsch und Deinen Mund nur zum Kacken und Zähneputzen benutzen, sonst bist Du der Letzte, der von mir Informationen bekommt, wenn Du verstehst."

Jetzt gab es zwei Möglichkeiten. Entweder, Paul Hasting begriff, dass er in diesem Moment mehr nicht erfahren würde, oder aber, er würde erst recht anfangen, zu bohren.

"Du garantierst mir, dass die Boston World als erste Zeitung informiert wird, wenn was offizielles vorliegt? Und Du bleibst mein Freund, kleiner Polizist? Dann will ich Dich jetzt nicht weiter bedrängen, sonst verderbe ich Dir nur die gute Laune!"

Teilerfolg für Zablewski!

"Ich garantiere Dir einen Dreck, mein Lieber! Aber ich will sehen, was ich für Dich tun kann, wenn’s soweit ist, o.k.?"

"O.k., Eric. Du hörst wieder von mir. Bis später. Ach – und vergiss bitte nicht, den Job als Kloputzer im Auge zu behalten. Vielleicht hast Du ja selbst noch Verwendung..."

Zablewski knallte den Hörer auf und ärgerte sich, dass es immer wieder jemanden gab, der diesen schmierigen Schreiberlingen Tipps gab und sich ein Mark Dollar dazu verdiente. Und Zablewski wusste, dass Hasting Lunte gerochen hatte und mit Sicherheit alles in Bewegung setzen würde, um weitere Quellen anzuzapfen.

Auf jeden Fall galt es nun, mit dem Chief darüber zu sprechen, wie’s weitergehen sollte. Und der Druck, den sich Zablewski´s Sonderkommission schon selbst auferlegte, würde jetzt erst Recht und mit tausendfacher Stärke von außen kommen.

Sarah

Bei ihren Freunden galt sie als "leicht verschroben", weil sie es verstand, grundsätzlich das Gegenteil von dem zu tun, was andere taten. Immer, wenn sie mit ihrer Clique irgendwo hingehen sollte, war es Sarah, die grundsätzlich erst Alternativen vorschlug; sich strikt weigerte, mitzugehen und sich dann doch überreden ließ, sich den anderen anzuschließen.

"Kannst Du nicht ein einziges Mal einfach nur sagen, dass Du mitkommst, Sarah? Ich finde es schon nicht mehr amüsant, dass Du immer aus der Rolle fallen musst. Erwartest Du tatsächlich, dass wir uns immer nach Dir richten?"

Peter Gates brachte es auf den Punkt. Ihm ging Sarah mit ihren Alternativen am meisten auf die Nerven.

"Was gäbe ich darum, wenn Du nur einmal spontan "ja" sagen würdest! Was soll also Deine ewige Spinnerei?"

Sarah führte solche Gespräche regelmäßig. Vielleicht machte es ihr sogar Spaß, sich immer verteidigen zu müssen.

"Ihr meint einfach immer, dass ihr bestimmt, wo’s hingeht! Und wenn ich dann mal vorschlage, was mir besser gefällt, seit ihr sauer. Ich begreife das nun mal nicht, Peter. Was ist so schlimm daran, dass ich auch mal meine eigenen Ideen umsetzen will? Immer nur, was ihr wollt! Mich kotzt das einfach an, verstehst Du?"

"Das einzige, was ich verstehe, ist, dass Du langsam an einen Punkt kommst, wo Dich die anderen nicht mehr ernst nehmen!"

Peter wusste, dass er vielleicht ein bisschen zu weit gegangen war, aber wenn er nicht ein ganz besonderes Verhältnis zu Sarah gehabt hätte, wäre sie ihm auch egal gewesen.

"Ich will nicht, dass Du dich lächerlich machst, Sarah! Kannst Du Dir vorstellen, warum mir besonders viel daran liegt, dass Du weiterhin mit uns zusammen bist? Wir nehmen ja schon in Kauf, dass Du rumläufst, wie eine Zwölfjährige. Ich frage mich wirklich, wer Dir geraten hat, solche Klamotten zu tragen..."

"Jetzt sind es schon meine Sachen, die Dich stören, Peter? Wahrscheinlich ist es Dir peinlich, mit mir auszugehen, stimmt’ s?"

Wenn Du’s genau wissen willst - ja! Es ist mir peinlich, zu sehen, wie Du dich ausstaffierst. Oder findest Du es normal, mit Neunundzwanzig Jahren noch Zöpfchen und Schleife zu tragen? Oder lange Wollstrümpfe zum Minirock anzuziehen? Warum zeigst Du nicht Deine Beine, Sarah? Du weißt doch genau, wie affenscharf Du aussiehst!"

Sarah reagierte sofort.

"Darum geht’s Dir. Du willst mich in die Kiste kriegen. Und Du bist beleidigt, dass es noch nicht geklappt hat, Peter!

Find Dich einfach damit ab! Ich bin so, wie ich bin! Und wenn Dir und der Clique meine Aufmachung nicht gefällt, könnt Ihr euch eben verpissen! Es geht auch ohne Euch, mein Lieber!"

"Du meinst, es geht auch ohne mich?"

Peter fühlte sich persönlich angegriffen.

"An mir liegt Dir wohl gar nichts, was?"

"Wenn Du’s genau wissen willst, Peter; ich bin Euch langsam leid mit Eurer ständigen Bevormundung. Das schließt die anderen ein und Dich nicht aus!"

Damit waren die Fronten geklärt.

"Du kannst ein richtiges Miststück sein, Sarah! Dann sieh doch zu, wo Du dich heute Abend vergnügst. Mit uns brauchst Du jedenfalls nicht zu rechnen!"

Er drehte auf dem Absatz um und ließ Sarah stehen. Sollte sie sich erst mal darüber klar werden, was sie wirklich wollte. Wenn Sie nicht begriff, was er für sie empfand, hatte es eh keinen Sinn, sich für sie einzusetzen.

Sarah rief ihm noch hinterher:

"Ich brauch Dich nicht! Und heute Abend werde ich ohne Euch die Sau rauslassen. Glaub bloß nicht, dass ich alleine nicht auch klar komme!"

Sie würde klar kommen. Und sie würde den anderen zeigen, dass sie es verstand, den Abend zu genießen, ohne sich von Peter, Miles, Toya und Annie schief angucken zu lassen...

Marks Nächste

Toni Marks stand etwas versteckt auf dem einsamen Parkplatz und verrichtete sein kleines Geschäft. Bis jetzt war es jedes mal so, dass er den unheimlichen Drang verspürte, sich zu erleichtern, bevor er sich einen "Gast" aussuchte. Er entleerte seine Blase an einem alten ausgeschlachteten Chrysler, der nur noch als Gerippe vor sich hinrostete.

In dem Moment, als er sich die Hose zumachen wollte und schon fast nicht mehr dran glaubte, an diesem Abend Erfolg zu haben, sah er die junge Frau.

Sie bog mit ihrem Wagen ausgerechnet auf die dunkelste Stelle des Parkplatzes ein und schien mit nichts Bösem zu rechnen. Was wollte das Weib bloß an dieser verlassenen Stelle?

Ein paar Minuten später wusste Marks Bescheid. Er beobachtete, wie die Frau aus dem Wagen stieg und sich nach allen Seiten umdrehte, als würde sie etwas verbergen wollen. Offenbar fühlte sie sich unbeobachtet, denn sie setzte sich auf die Hocke, nachdem sie ihren Slip runtergestreift hatte und ihrem drängenden Bedürfnis nach, sich zu entleeren.

"Lohnt sich gar nicht für Dich, Kätzchen. Hab Dich sowieso gleich im Sack!"

Marks näherte sich vorsichtig der Frau, die scheinbar an nicht dachte, außer an ihre Pinkelei. Selbst als Marks versehentlich mit dem Fuß gegen eine alte Blechdose stieß und sich selbst über das laute Scheppern erschrak, merkte die Frau nicht auf.

"Donnerwetter, was muss die für `ne Blase haben...", dachte Marks und näherte sich immer mehr der jungen Frau. Nun waren es nur noch wenige Schritte, bis er fast genau hinter ihr stand. Dieses Mal würde er sich geschickter anstellen, als bei der letzten Kuh, die er erst vernaschen musste...

Inzwischen war sie sogar in Reichweite gekommen und noch immer plätscherte es aus ihr heraus.

"Kurz und herzlos", sagte sich Marks und rief plötzlich:

"Buh!"

In dem Moment, als die Frau erschrocken versuchte, sich umzudrehen - was gar nicht so einfach war, mit runtergelassenem Slip und so in der Hocke - knallte Marks Faust auch schon mit aller Wucht gegen ihre Stirn. Sie kippte, wie von einer Axt gefällt, nach vorn und landete bewusstlos in der riesigen Pfütze, die sie selbst verursacht hatte.

"Alte Sau! Jetzt stinkst Du mir das ganze Auto voll!"

Und doch war Marks mit sich zufrieden. Dieses Mal ging alles glatt und der "Meister" würde keinen Grund zur Klage haben. Weil Marks nie abgeneigt war, zu etwas Kleingeld zu kommen, griff er nach der Handtasche der Frau, die noch immer im Wagen lag. Vielleicht hatte sie ja ´n paar Dollar im Gepäck... Marks wühlte in der Tasche und fand tatsächlich zweihundertzehn Dollar in ihrem Portemonnaies. Und er war einen kurzen Blick auf ihren Ausweis.

"Sarah Bennister" hieß die blöde Kuh also", murmelte Marks in sich hinein, während er die Heckklappe seines schrottreifen Pick-Up öffnete.

"Sarah, wir werden bald eine Menge Spaß miteinander haben. Das heißt, ich glaube, Dir wird’s nicht soviel Spaß machen, wie mir...!"

Er warf den leblosen Körper auf die Ladefläche und klebte zur Sicherheit noch einen breiten Klebestreifen auf den Mund der Frau. Dann knebelte er sie an Händen und Füßen und verzurrte sie so an zwei Haken, die er extra für diesen Zweck angeschweißt hatte, dass sich Sarah Bennister nicht einen Zentimeter bewegen konnte. Anschließend schoss er die Ladeklappe und setzte sich gutgelaunt hinter sein Lenkrad.

"Oh, Meister. Ich bin richtig froh, dass Du dieses Mal zufrieden sein wirst! Ich bin mir ganz sicher, dass der hübsche Kopf der Frau genau das ist, was Du von mir erwartetest hast!"

Marks ließ den Wagen an und machte sich auf den Heimweg.

Peter

Noch am selben Abend ihres Streites hatte Peter versucht, Sarah anzurufen. Vielleicht war er doch etwas zu grob mit ihr umgesprungen. Schließlich war es tatsächlich ihre Sache, wie sich kleidete und was sie von den gemeinsamen Abenden erwartete.

Als sich zwei Tage später immer noch keine Sarah meldete und als Peter ergebnislos an ihrer Haustür hämmerte, hörte er zwar das klagende Jammern von Kiki, der Katze von Sarah, aber von Sarah selbst war nichts zu hören. Es passte nicht zu ihr, die Katze so lange allein zu lassen. Peter wusste genau, dass irgendetwas passiert sein musste.

Auf dem Revier

"Also noch mal von Vorne! Sie sind also der Freund dieser Sarah Bennister, Mr. Leed. Und Sie vermuten, dass sich Ihre Freundin nach einem Streit in die falsche Gesellschaft begeben hat? Sagen Sie mir doch mal, Mr. Leed: Sie haben nicht zufällig einen Schlüssel für die Wohnung von Mrs. Bennister, was?"

"Nein, ich habe keinen Schlüssel. Und ich wüsste auch nicht, was das mit Sarah’ s Verschwinden zu tun hat!"

Peter ärgerte sich, dass man ihn offenbar nicht sonderlich ernst nahm.

"Sarah und ich sind gute Freunde, Officer. Nicht mehr! Und ich mache mir einfach Sorgen um sie!"

Officer Stapelton hörte solche Geschichten mindestens dreimal am Tag. Meistens waren es verärgerte, kleine Mädchen, die sich von ihrem Freund gekränkt fühlten und ihm ein bisschen Angst machen wollte. Vielleicht hatte sie tatsächlich einen Zug um die Häuser gemacht - einen netten jungen Mann kennen gelernt und ihren Peter so mir nichts, dir nichts vergessen. War alles schon da und war in fast allen Fällen die logische Erklärung für ein Verschwinden.

"Mr. Leed, Sie sagten, dass Mrs. Bennister Neunundzwanzig ist? Sie begreifen hoffentlich, dass wir nicht so einfach nach einer jungen, erwachsenen Frau suchen können, nur weil Sie sie ein bisschen verärgert haben? Was halten Sie denn davon, wenn Sie jetzt nach Hause gehen und sich ans Telefon setzen! Ich bin mir sicher, dass Ihre Sarah wieder auftauchen wird!"

Peter begriff die Welt nicht mehr.

"Sie verstehen nicht, Officer! Sarah würde nie ihre Katze alleine zu Hause lassen und einfach für ein paar Tage vom Erdboden verschwinden!"

"O.k., Mr. Leed. Haben Sie schon mal versucht, die Verwandten von Mrs. Bennister anzurufen? Kann’s nicht sein, dass sie aus Kummer - weil sie sich von Ihnen beleidigt fühlte - zu ihrer Mutter gefahren ist?"

Peter stand auf. Es hatte keinen Sinn mehr.

"Ihr ist etwas passiert, Sir! Und Sie alleine sind dafür verantwortlich, wenn ihr etwas zugestoßen ist. Warum begreifen Sie nicht, dass ich Recht habe?"

Der besorgte junge Mann wollte grade frustriert und verärgert die Tür hinter sich zuschlagen, als Officer Stapelton ihn zurückrief:

"Was sagten Sie noch ist die Anschrift Ihrer Freundin? Wir können ja mal einen Streifenwagen zur Wohnung schicken, um zumindest sicherzugehen, dass sie nicht in der Wohnung ist..."

ENDE Teil I

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Langsam gehe ich auf das sechzigste Lebensjahr zu. Da hinter mir nahezu jede emotionale Erinnerung »verschwindet«, besitze ich keinerlei sichtbare Erinnerung! Vieles von dem, was ich Ihnen aus meinem Leben berichte, beruht auf alten Notizen, Erinnerungen meiner Frau und meiner Mutter oder vielleicht auch auf sogenannten »falschen Erinnerungen«. Ich selbst erinnere mich nicht an meine Kindheit, Jugend, nicht an meine Heirat und auch nicht an andere hochemotionale Ereignisse, die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin.

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